Im Mai 2005 exportierte China zum ersten Mal Geländewagen nach Europa. Das Medienecho auf dem Alten Kontinent war gewaltig. Ein neues Kapitel der Weltgeschichte wurde ausgerufen. Nun zieht Indien nach: Zusammen mit Fiat will das indische Unternehmen Tata Motors ein Auto bauen, das besonders preisgünstig ist. In Europa soll der Wagen für 7000 Euro angeboten werden – ein Kampfpreis, der für ähnliches Aufsehen sorgen müsste wie der chinesische Versuch, auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen. Doch dort ist das Interesse an Neuigkeiten aus Asien immer noch auf China fixiert. Die Meldung vom Billigauto aus Indien schafft es lediglich in die Zeitungsspalten für Kurznachrichten. Dabei bahnt sich hier eine Entwicklung an, die nicht zuletzt für die Europäer von elementarer Bedeutung sein wird: Indien wird Weltmacht. Dies ist zumindest die Einschätzung von Olaf Ihlau und Harald Müller.

Der ehemalige Auslandschef und heutige Autor des Spiegels sowie der Leiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung haben die Entwicklung auf dem indischen Subkontinent bereits in zahlreichen Publikationen beleuchtet. Nun legen sie in zwei überaus lesenswerten Büchern eine Art Zwischenbilanz ihrer Beobachtungen vor. Besonders aufschlussreich ist hierbei Ihlaus Vergleich des Potenzials der »asiatischen Giganten«: Bis zur Jahrtausendwende haben die Exporte aus Chinas Fabriken die Marke von 200 Milliarden Dollar überschritten, die von Indien lagen unter 50 Milliarden. China war bei den meisten wirtschaftlichen und sozialen Indikatoren vorn, bei der Beseitigung der Armut, in der Infrastruktur, der Grundschulausbildung und im Gesundheitswesen. Nur in den Sektoren Informationstechnologie, Pharmazie und in der Anmeldung von Patenten dominierten die Inder.

Heute ist Chinas Pro-Kopf-Einkommen doppelt so hoch wie das von Indien. Bei den ausländischen Direktinvestitionen erhält der Subkontinent bislang nur einen Bruchteil der Mittel, die in die Volksrepublik fließen, hat sich jedoch auf Platz zwei vorgeschoben, noch vor die Vereinigten Staaten. Pekings Währungsreserven sind inzwischen mit 850 Milliarden Dollar weltweit die höchsten, fünfmal so groß wie Neu-Delhis, das hier jedoch gleichfalls aufgeholt und Moskau bereits überflügelt hat.

Das Durchschnittsalter in China liegt derzeit bei 33 Jahren, das in Indien bei 25. Während Pekings Ein-Kind-Politik den bevölkerungsreichsten Staat der Welt in eine demografische Krise führt, wächst Indien mit einer Geburtenrate von 1,6 doppelt so schnell, und dies auf nur einem Drittel der Fläche Chinas. Damit wird der Subkontinent jünger bleiben bis weit in die Mitte des 21. Jahrhunderts.

Der Motor des Aufschwungs in der Volksrepublik ist die industrielle Massenfertigung, in Indien der Dienstleistungssektor. Doch Neu-Delhi will das chinesische Modell nachahmen. Der Zuwachs an arbeitsintensiven Stellen in der Industrie, die auf dem Subkontinent nur ein Viertel der Wirtschaftsleistung erbringt, in China hingegen über 50 Prozent, soll in den kommenden Jahren Vorrang haben. Nach Ihlau dürfte dies darüber entscheiden, wie der Wettbewerb zwischen Asiens Großmächten ausgeht. Denn gelänge es den Indern, der Volksrepublik auch mit preisgünstigen Industriegütern Paroli zu bieten, dann entstünde Peking eine ökonomische Bedrohung, wie sie die Tigerstaaten Südostasiens 1997 durch den Billiglohnkonkurrenten China zu spüren bekamen. Derzeit dürfte Indien in seiner wirtschaftlichen Gesamtentwicklung noch zehn Jahre hinter der Volksrepublik zurückliegen.

Der indische Aufholprozess beschleunigt sich indes rapide. In wichtigen Sektoren vergrößern die Inder ihrerseits den Vorsprung. So wird die Zahl hochqualifizierter Hochschulabsolventen bereits 2008 zweimal so hoch sein wie in China. Weitere Wettbewerbsvorteile sind demokratische Strukturen, bessere englische Sprachkenntnisse sowie das Wissen über die kulturellen Besonderheiten der westlichen Industrieländer. Mit deren Führungsnation unterhält Indien seit Anfang März 2006 eine strategische Partnerschaft. Washington erkennt Indien nicht nur als Nuklearmacht an, sondern liefert nun auch modernste Technologie, nicht zuletzt im Rüstungsbereich. Eine Weichenstellung, die Ihlau zu Recht als historisch bezeichnet, bestand zwischen Indien und den USA doch über Jahrzehnte eine tiefe kulturelle wie politische Kluft.

Dreieinhalb Millionen indische Gastarbeiter in der arabischen Welt