Schwierige Umbrüche sind gute Zeiten für große Überblicke, wie ihn Tony Judt liefert. Der aus England stammende und seit Jahren an der New York University lehrende Historiker deutet die europäische Geschichte neu, im Blick auf die großen Zäsuren von 1945 und 1989. Den Autor der über 1000 Seiten starken, spannenden und gut übersetzten Darstellung kennt man in Deutschland eher als Spezialisten für französische Ideen- und Intellektuellengeschichte und neuerdings als beißenden Kritiker der Sicherheitspolitik der USA und Israels.

Dieses Werk ist nicht auf Polarisierung angelegt, sondern als Ansporn für die müde gewordenen Europäer gedacht. Nur auf den ersten Blick ist es eine Generationsgeschichte: Tony Judt, Jahrgang 1948, wählt einen »persönlichen, subjektiven Blick«, der durch seinen jüdischen Hintergrund, die transatlantische Lebensgeschichte und ungewöhnliche Empathie für Schicksal und Situation Ostmitteleuropas objektiviert wird. Mindestens drei große Verdienste kann man Judt bescheinigen: Erstens blieb es diesem anglo-amerikanischen Europäer überlassen, uns das einzigartige Projekt der Europäisierung nach 1945 ins Gedächtnis zu rufen. Leisten kann das nur, wer vom »neuen Europa« aus denkt und damit die bei deutschen Zeithistorikern vorherrschende Fixierung auf die Erfolgsgeschichte der West-Integration aufgibt.

Zweitens gelingt Judt, woran die meisten scheitern: Über große Strecken liefert er eine wirklich paneuropäische Geschichte, nicht die übliche Aneinanderreihung nationaler Monografien. So entsteht das Panoramabild einer europäischen Gesellschaft, die den Nationalstaat (hier ist Judt ganz Brite) keineswegs vernachlässigt und dabei auch die »kleinen Staaten« und die europäische Peripherie nicht auslässt.

Drittens macht der Autor den Europäern Mut. Nicht nur, weil sie gegen alle Erwartungen eine heillose Vergangenheit ethnisch-nationaler Konflikte und totalitärer Verbrechen überwunden haben, sondern auch, weil für ihn nur das vereinte Europa (also nicht Amerika oder China oder gar Indien) der Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Vorbild politischer Kultur und Staatlichkeit sein kann. Besser gesagt: Es könnte ein solches sein, wenn die Europäer selbstbewusste Schlüsse aus dieser Geschichte zögen. So wird der Leiter eines New Yorker Zentrums für Europastudien, der ansonsten jungen Amerikanern Europa erklärt, zum Lehrmeister Europas – eine bessere Rolle hätte sich ein Brite kaum ausdenken können.

Das Buch hat vier große Abschnitte, die durch plausible Zäsuren unterteilt und in 24 Kapiteln abgehandelt werden: Nachkriegszeit: 1945–1953 , Wohlstand und Aufbegehren: 1953–1971 , Rezession: 1971–1989 , Nach dem Zusammenbruch: 1989–2005 . Naturgemäß können nicht alle Kapitel gleichermaßen spannend sein, am besten gelungen scheint mir die Darstellung der unmittelbaren Nachkriegszeit und der Entkolonisierung, dann der Hochzeit des europäischen Wohlfahrtsstaates und des Niedergangs der Sowjetunion. Judt hält es programmatisch mit einem britischen Premier: »Ereignisse, mein Lieber, Ereignisse« (Harold Macmillan), was ihn vom Mainstream der neueren Kulturgeschichte unterscheidet. Er rekonstruiert Zusammenhänge, liefert aber keine große Theorie und misstraut geschichtsphilosophischen und sozialwissenschaftlichen Großtheorien. Schwerpunkt ist die Politikgeschichte, die allerdings über die Behandlung von Spiel- und Dokumentarfilmen (nicht: Musik und bildende Kunst) in eine Mentalitätsgeschichte europäischer Vielfalt übergeht. Auch die Sozial- und Wirtschaftshistorie wird elegant einbezogen, und Judt vermag markante Zahlen wie Pointen zu setzen.

Ein ganzer Berg von Literatur ist in den Wälzer eingegangen, die nicht als Bibliografie angehängt, sondern auf Judts Instituts-Web-Seite zu finden ist. Spezialisten werden wenig Neues erfahren (und an manchem Detail etwas auszusetzen haben), aber das würde die gelungene Synopse und ein faszinierendes Narrativ verkennen, das an Ironie und Sarkasmus nicht spart und wohldosiert Anekdoten und Reiseeindrücke einfügt. Treffende Eingangszitate erweisen vor jedem Kapitel großen Zeitzeugen und Literaten Reverenz und die eingestreuten Bildillustrationen bezeugen ein ungewöhnliches ikonografisches Gespür.

Im Epilog über das moderne europäische Gedächtnis erhebt Judt Vergessen und Verdrängen zu notwendigen Voraussetzungen für den wirtschaftlichen und politischen Wiederaufstieg Westeuropas, der aber nur gelingen konnte, weil die europäischen Gesellschaften (vor allem, aber nicht nur, Deutschland) sich ihrer Vergangenheit gestellt haben. Dieser Prozess lässt in Ostmitteleuropa und Russland noch sehr auf sich warten, und dabei wird der Holocaust, stärker als Judt es betont, seine zentrale Bedeutung für die europäische Identität verlieren, weil die Verschlingung zweier (gewiss ungleicher) Diktaturen im Osten zahllose Dilemmata erzeugt und eine kompensatorische Form des Gedächtnisses in Gestalt institutionalisierter Kommemoration nicht Bestand haben wird. Judt redet nicht der Amnesie als Lebensform das Wort, aber: »Ein gewisses Maß an Vernachlässigung und sogar Vergessen sind notwendige Bedingungen für gesellschaftliche Gesundheit« – sofern dem eine aufrichtige und nachhaltige Erinnerung an begangene Verbrechen und unterlassene Hilfestellung vorangegangen ist.