Dies ist – unübersehbar – ein Buch über Bücher. Wolf Lepenies’ Frage zielt darauf, wie politisch oder politikabstinent, ja antipolitisch Kultur sei und welcher Kulturbegriff dahinterstecke. Es ist, wenn man so will, sein Lebensthema geworden, das des Autors, des Wissenschaftlers, Journalisten, Forschungsorganisators gleichermaßen. Kultur und Politik ist insofern Teil eines »Gesamtkunstwerks«. Und das stand wohl auch dahinter, als ihm der diesjährige Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen wurde.

Intellektuelle Geschichtsaufarbeitung dieser Art sieht er zurückhaltend allenfalls als Ergänzung, nicht als Alternative zur sozialen und politischen Geschichte. In seinem Buch über Die drei Kulturen, nämlich »Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft«, hat er daraus geradezu ein Programm gemacht, der Literatur sowie intellektuellen Kontroversen abzulauschen, was sie zu den Verhältnissen wirklich beitragen – oder wie weit sie sich schuldig machen durch Rückzug.

Ertappt!, haben daraufhin gescheite Zeitgeist-Beobachter ausgerufen, Lepenies neige selbst zu jener »Überhöhung der Kultur und Skepsis gegenüber der Politik«, die er als typisch »deutsche Haltung« doch gerade anprangern möchte. Mehr oder minder könnte man diesen Einwand dann aber auch gegenüber Kurt Sontheimer, der die intellektuellen Totengräber der Weimarer Republik beleuchtete, oder Fritz Stern, Peter Gay, Norbert Elias oder Helmuth Plessner anmelden, den Urvätern dieser These. Aber Lepenies will sie weder neu erfinden noch ins Heute verlängern, er setzt ihre Gültigkeit nur voraus. Entdecken kann man im Grunde in seinen Deutschen Geschichten, wie es im Untertitel lapidar und anspruchsvoll zugleich heißt, eine Antithese gegen alle, die mit großen Thesen die Welt erklären möchten.

Ironischerweise schließt das die allumfassende Erklärung vom deutschen Sonderweg dann aber mit ein. Kultur gegen Zivilisation, Gemeinschaft gegen Gesellschaft, Vergangenheit gegen Moderne: Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Politischen, die sich in solchen Kontrapunkten äußert, taucht nach seiner Ansicht auch andernorts auf; die Deutschen haben darauf kein historisches Monopol, nur spielte sie »nirgends eine größere Rolle und hat nirgends sonst in diesem Maße überlebt«.

Exakt an der Stelle aber, und das ist Lepenies’ Stärke, blickt er neu und neugierig auf Grenzverwischungen: Reine Lehren interessieren ihn nicht. Besonders Thomas Mann verkörpert geradezu in sich eine gelungene Mixtur, die Wendung vom frühen »Unpolitischen« zum Emigranten, der in den USA die Kultur in der amerikanischen »Zivilisation« entdeckt und sie gegen den deutschen Hochmut in Schutz nimmt – das dient ihm als Beleg, dass die deutsche Katastrophe vermeidbar war. Eine richtig verstandene Bürgerlichkeit hätte es geben können.

Gegen den Vorwurf des Theologen Reinhold Niebuhr, der aus amerikanischer Sicht nach dem Zweiten Weltkrieg argwöhnte, entgegen allen Behauptungen habe Mann eine Wende ins Aromantische, ins Demokratisch-Politische nie vollzogen, heißt es: Falsch, er hat sich davon ausdrücklich nie abkoppeln wollen! Und doch wurde aus ihm ein engagierter Republikaner, schreibt Lepenies. Es gibt nicht, so lässt sich das verstehen, die »reine« Form des weltabgewandten Literaten hier und des intervenierenden Intellektuellen dort. Nach außen mag es so aussehen, da stand Anfang der sechziger Jahre beispielsweise der Emigrant Theodor W. Adorno als Antipode vis-à-vis von seinem konservativen Kollegen, dem NS-Parteimitglied Arnold Gehlen. Beide aber verstanden sich insgeheim besser als gemutmaßt, so in ihren Vorstellungen von der Abschaffung des Subjekts, der Übermacht des Bösen und dem pessimistisch getönten Bild vom Abschied von der Geschichte, weil die Menschen ihre Möglichkeiten nun einmal ausgereizt hätten.

Wieder sind es solche Spurenelemente im jeweils Anderen, die klar machen, dass es sich da nicht um die definitive Entscheidung zwischen zwei Kontrastprogrammen handelt. Ihre Lebenserfahrungen, diesen »Abgrund« zwischen ihnen tabuisierten sie, und bei einem der raren »Gipfeltreffen« zwischen Adorno und Gehlen sowie in ihren Briefen überstiegen sie solche existenziellen Differenzen, als solle man sich in den Niederungen nicht zu lange aufhalten. In der Schwebe lässt Lepenies, ob er dies nun bedauert oder nicht; das eigentümlich Faszinierende jedoch, das offensichtlich für ihn von solchen Gegnern ausgeht, verrät, dass es auch in der dünnen Luft solcher Geistigkeit eine sinnvolle Kontroverse geben kann und dass niemand für sich als Archetyp der Kulturgeschichte firmieren kann.