Seine Lebensspanne von 1915 bis 1988 entsprach fast genau der des Sowjetimperiums, das er fast bis ans Ende seiner Tage als das Reich des Bösen gefürchtet und bekämpft hatte. Sein eigenes politisches Wirken begann 1945, maßgeblich befördert durch die Amerikaner, die ihn, der in den Monaten vor Kriegsende hellsichtig englische Vokabeln zu pauken begonnen hatte, zum »assistant Landrat« von Schongau machten. Fortan kam er von der Droge Politik nicht mehr los, wurde viermal Minister, scheiterte beim Griff nach dem Kanzleramt, war in der letzten Dekade seines Lebens weniger Ministerpräsident als bayerischer Monarch – populär und umstritten wie kein Zweiter, eine der Schlüsselfiguren der Bundesrepublik: Franz Josef Strauß.

Die große Biografie dieses Mannes steht immer noch aus. Auch die beiden jetzt erschienenen Werke der Journalisten Thomas Schuler und Werner Biermann schließen diese Lücke nicht. In Titel, Anlage und Umfang recht ähnlich, sind sie allerdings sehr unterschiedlich ausgefallen. Beide beginnen mit den dramatischen letzten Lebensstunden, beide rücken die Familie, die wenig erfolgreichen politischen wie ökonomischen Schritte der Kinder im Schatten des übermächtigen Vaters ins Blickfeld. Beide setzen ein bei der Kindheit des Metzgersohnes, dessen erste bleibende Erinnerung die Kirchenglocken sind, die im November 1918 in München die »rote« Revolution unter Kurt Eisner einläuten.

Die Angst vor Räterepublik, Kommunisten, Chaos, Bürgerkrieg speist sich aus den Erfahrungen jener Wochen und Monate; der Vater, tief katholisch und Gründungsmitglied der BVP, ist zugleich resistent gegen alle Lockungen der wachsenden NSDAP. Dabei wird in der Nachbarschaft nicht nur der Simplicissimus gedruckt, sondern auch der Völkische Beobachter, gehören Himmler, Bormann, Göring zu den Kunden im Laden, gibt es entsprechende Anwerbungsversuche. Beide Autoren berichten denn auch von der »gewaltigen Maulschelle«, die der kleine Franz Josef vom Vater bekommt, als er – politisch noch gänzlich ahnungslos – NS-Flugschriften verteilt. Mit den Nationalsozialisten wird er künftig nichts gemein haben. »Strauß hasste die Nazis. Er zeigte das Dritte Reich hindurch Charaktereigenschaften, die in jener Zeit nur wenig verbreitet waren: Anstand, Hilfsbereitschaft und Mut«, stellt Biermann fest.

Strauß ist ehrgeizig – und lernt ein Leben lang leicht. 1935 das beste Abitur Bayerns, später dann das beste Staatsexamen. Ein Aufsteiger, der herauswill aus der Kleinbürgerwelt, sie aber nie ganz wird abstreifen können. Im Krieg erlebt er als Soldat das mörderische Wirken der SS-Einsatzgruppen, entkommt durch Zufall dem Kessel von Stalingrad, wird Ausbilder, rettet kurz vor dem Ende durch das improvisierte Ausstellen von Entlassungspapieren seine Lehrgangsteilnehmer vor einem Tod im »Endkampf«.

In den Wirren der Nachkriegsjahre sammelt er seine grundlegenden, prägenden Erfahrungen, steigt, protegiert von Josef »Ochsensepp« Müller, rasch auf in der CSU. Schon in dieser Zeit knüpft er Verbindungen für später, entwickelt das, was man als »Spezlwirtschaft«, als »Amigo-System« bezeichnen wird. Schuler, der einen alten Weggefährten aus jenen Tagen aufgespürt hat, berichtet sogar von einem ersten »Quasi-Stimmenkauf« durch Strauß zur Sicherstellung seiner Wiederwahl zum Landrat 1948. Und knüpft daran das Verdikt: »Strauß ist so ehrgeizig und fühlt sich so sehr im Recht, dass ihm auch fragwürdige Mittel zum Erhalt der Macht recht sind. Er will einer Demokratie dienen mit Mitteln, die eine Demokratie zerstören.«

Ein Schlüsselsatz. Schuler legt den Schwerpunkt seiner Darstellung auf die zahlreichen Skandale, die Strauß fortan begleiten – von seinem Streit mit dem Bonner Verkehrspolizisten Hahlbohm, über Fibag, Starfighter und Bau-Union bis zu den Waffengeschäften Karlheinz Schreibers spannt sich der Bogen; die 1996 durch einen Aktenfund im Trödelladen belegten Verbindungen zum Flick-Geschäftsführer und zeitweiligen CSU-Schatzmeister Wolfgang Pohle werden breit behandelt. Bemerkenswert dabei: die Nonchalance, mit der Strauß offenbar Partei- und Privatschatulle vermischte, aber auch, dass seine tatkräftige Ehefrau Marianne eben nicht nur das Privat-, sondern auch das CSU-Parteivermögen zeitweise verwaltete und kräftig mehrte – eine durchaus bemerkenswerte Pointe.

Schon früh hat sich das entwickelt, was Spezlwirtschaft genannt wird