Irina Nabreko* dachte, sie könne in Deutschland als Callgirl Geld verdienen und ihren Sohn ernähren. Vielleicht träumte sie auch von ein wenig Luxus, den es in Russland für sie nicht gab. Jetzt sitzt sie im Gerichtssaal in Berlin-Moabit und erzählt, wie sie mit einem Knebel im Mund durch ein Hotelzimmer robbte, weil sich, wie die Dolmetscherin übersetzt, "ein feiner Herr in einen Teufel verwandelt" hatte. Mit einer Peitsche "aus edlem Leder" habe er sie geschlagen. Drei Stunden lang habe sie gebetet, dass die Tortur ein Ende nimmt, dass der Kunde zum Hörer greift, ihren Zuhälter anruft und sagt: "Hol das Mädchen ab, es kann nicht mehr." Nein, mit "diesem Wahnsinn" hatte Irina nicht gerechnet. Doch sich zu weigern, sagt sie, wäre "noch schmerzhafter gewesen".

Oder Martina Breslowska*, Grundschullehrerin aus Moskau. Sie vertraute sich einem Russen an, der ihr einen Job in einem Restaurant versprach. Doch dann "wurde sie mit den russischen Worten dawai dawai rabota (Los, los, arbeite!, Anm. der Red.) zur Aufnahme der Prostitution aufgefordert", wie die Anklage festhält. Lehnte Martina Breslowska "Kunden" ab, wurde sie geprügelt. Für 40000 Euro, so der Staatsanwalt, wurde sie an einen Freier verkauft. Ein Gutachten hält fest: "Sie hat keinen männlichen Freund mehr gehabt, weil sie Männern – anders als vor der Tat – nicht mehr unbefangen gegenübertreten kann."

Oder Eva Santora* aus Brasilien. Als "Tänzerin" hatte sie sich beworben, 9000 Euro in drei Monaten wurden ihr von einer Agentur versprochen. In Wahrheit waren es 20 Euro pro Tag, von denen sie auch noch "Vermittlungsgebühren" abzustottern hatte. "Aufgrund ihrer Mittel- und Orientierungslosigkeit", so die Staatsanwaltschaft, "gab sie dem Verlangen des Angeschuldigten nach, sich zu prostituieren." Was das heißt? In der Anklage steht es so: "Er zog ihr die Hose herunter. Als sie versuchte, aus dem Zimmer zu laufen, ergriff er (der Zuhälter, Anm. der Red.) die Geschädigte, drehte diese um, nahm ihren Kopf und drückte diesen nach vorne. Sodann versuchte er in die Scheide der Geschädigten einzudringen. (…) Er stieß sie in den Toilettenraum und schlug dort mehrfach auf sie ein."

Irina Nabreko, Martina Breslowska und Eva Santora: In ihren Verfahren vor dem Berliner Landgericht geht es um Zuhälterei, um Menschenhandel, um Zwangsprostitution. Die drei Frauen sind als Zeuginnen geladen. Barbara Petersen, ihre Anwältin, sagt: "Es gibt immer wieder Freier, die wissen, dass mit solchen Frauen etwas nicht in Ordnung ist. Ja, einige wollen sie sogar freikaufen." Angeklagt sind bislang allerdings nur die mutmaßlichen Zuhälter, nicht ihre "Kunden". Genau das will die Große Koalition künftig ändern.

Bereits vor fünf Jahren wurden Prostituierte durch das rot-grüne Prostitutionsgesetz besser gestellt. Ihre Arbeit sollte nicht mehr "sittenwidrig" sein. Die Idee: Je stärker die Rechte der Frauen, desto unwahrscheinlicher, dass sie für Zuhälter unter Zwang arbeiten müssen. Menschenhändler wurden härter bestraft. Nur jene, für die der Sklavenmarkt betrieben wird, blieben weitgehend ungeschoren: die Freier. Nun will die Bundesregierung, wie es im Koalitionsvertrag heißt, die "Strafbarkeit der Freier von Zwangsprostituierten regeln". Ein Gesetzesvorschlag des Bundesrates liegt bereits zur Begutachtung vor. Wer sich "die Notlage von sexuell ausgebeuteten Frauen zunutze macht", riskiert demnach fünf Jahre Knast. Noch in diesem Jahr soll der Bundestag über das Gesetz entscheiden.

Es werde in der Praxis schwierig sein, Freier zu überführen, räumt Justizministerin Brigitte Zypries im Gespräch mit der ZEIT ein (siehe Seite 5), doch müssten die Freier endlich zu "mehr Aufmerksamkeit und Verantwortung" gezwungen werden. In der Praxis werden von Justizbehörden vor allem Telefonüberwachungen von Callgirl-Agenturen und Bordellen sowie die Aussagen von Opfern herangezogen, um gegen Kunden zu ermitteln. Freier werden darauf achten müssen, wer den Lohn entgegennimmt, ob Frauen verstört oder gar misshandelt wirken, ob sie selbst über den "Schandlohn" verhandeln – oder der Zuhälter im Hintergrund. Die Neuregelung dient nicht der Moral, sondern der Bekämpfung eines alltäglichen Sklavenmarktes.

Man kann die Erkundung dieses Marktes im Saal 537 des Landgerichtes Berlin beginnen, bei all den Frauen, die Barbara Petersen hier vertritt. Die Advokatin vertrat vor drei Jahren eines der Opfer jener Callgirl-Agentur, die auch den TV-Moderator Michel Friedman mit Zwangsprostituierten versorgte. Die Öffentlichkeit bekam damals Einblicke, wie die in Inseraten beworbenen "ukrainischen Nymphen" von ihren Zuhältern misshandelt werden. Die Schriftstellerin Karen Duve fragte: "Wie können so viele Männer in und auf Frauen ejakulieren, ohne deren Not zur Kenntnis zu nehmen?"