Ohne prominente Freier ist der Frauenmarkt kein Skandal, sondern Alltag. Darum verfolgt jetzt auch kein Gerichtsreporter die Verhandlung. Angeklagt ist der Berliner Zuhälter Markus R.*. Ein blasser Mann, der mit einer Mischung aus Aggression und Nervosität an die Decke des Gerichtssaales blickt, als ein Mädchen mit Sommersprossen und Pferdeschwanz in den Zeugenstand tritt. Die Zeugin – es ist Irina Nabreko – spricht so leise, dass die Dolmetscherin näher rücken muss. Sie erzählt nicht die Geschichte vom unschuldigen Mädchen, das von skrupellosen Menschenhändlern eingesperrt wurde. Ihre Wahrheit ist diffiziler.

Irina Nabreko berichtet, wie sie langsam die Macht über ihren Körper an diesen Zuhälter verlor: "Er sagte, du musst die Beste sein. Er sagte, mit normalem Sex wirst du niemanden überraschen. Dafür haben die Männer ja ihre eigenen Frauen." Die Russin ahnte damals nicht, was er mit "überraschen" meinte und was sich hinter der Bezeichnung "Callgirl" verbarg. Als sie es spürte, war es zu spät. Markus R. bewarb sie in Inseraten als "Sklavia". Langsam begriff Irina Nabreko, was es hieß, in einer Nacht zehn, zwanzig Kunden zugestellt zu werden. Darunter "Alte, Grobe und Schmutzige", wie sie erzählt. Als sie einen Freier abweisen wollte, wurde er, wie Irina es nennt, "sehr, sehr böse". Danach, sagt sie, habe sie "schwere Schmerzen gehabt". Seitdem lehnte sie keinen mehr ab. Erst nach Monaten gelang ihr die Flucht.

Glaubt man Ermittlern, dann handelt es sich bei der Zwangsprostitution um ein Massenphänomen. Detlef Ubben ist Chef der Abteilung Menschenhandel beim Hamburger Landeskriminalamt, er schätzt: "95 Prozent der Prostituierten sind Zwangsprostituierte." Was bedeutet das? Ubben: "Diese Frauen arbeiten nicht auf eigene Rechnung und nicht selbstbestimmt. Wenn sie sich verweigern, setzt eine brutale Gewaltkulisse ein." Den Frauen blieben nur zehn Prozent des Lohnes.

Der Ermittler Ubben startete in Hamburg, der Stadt der Reeperbahn, ein bundesweit einzigartiges Modellprojekt. Anstatt zu warten, bis Opfer an die Wachzimmertür klopfen, durchforstet sein Team die Callgirl-Annoncen der Zeitungen, um "offensiv ins Milieu" zu gehen. Die Polizisten besuchen Bordelle und überreichen den Frauen Visitenkarten der Polizei, um so ihr Vertrauen zu gewinnen. Die meisten Prostituierten, sagt Ubben, "sind zwar von Frauenhandel betroffen, aber sie sehen sich selbst nicht als Opfer". Doch "fast immer", sagt der Polizist, "setzt irgendwann der Druck ein". Was darunter zu verstehen ist? Zunächst fiktive Schulden. Dann Drohungen, auch gegen Verwandte in den Heimatdörfern. Schließlich Prügel "zur Abschreckung". Manchmal, sagt Ubben, "gab es auch Massenvergewaltigungen". Was Freier wissen müssen? "Die Wahrscheinlichkeit, auf eine Frau zu stoßen, die nicht will, ist sehr, sehr hoch." Was müsste geschehen? Das angeblich älteste Gewerbe der Welt, sagt Ubben, sollte endlich gewerberechtlich konzessioniert werden können. Wer dann noch in ein illegales Bordell gehe, nehme in Kauf, gehandelte Frauen vor sich zu haben. Macht die Bestrafung der Freier Sinn? Ubben argumentiert ähnlich wie die Justizministerin: Die Frauen stünden unter enormem Druck, nicht gegen ihre Peiniger auszusagen. "Aber so ein Gesetz hätte auch Signalwirkung. Die Freier müssen begreifen, dass da ein Mensch vor ihnen liegt."

Der alltägliche Sklavenmarkt. Man kann den brutalen Handel mit Frauen nicht nur in den Städten, sondern vor allem auch in der Provinz aufspüren, am besten dort, wo noch immer die Schengen-Grenze die Welt der Wohlhabenden von den ärmeren Teilen Europas trennt. An der deutsch-tschechischen Grenze bei Cheb etwa. Abends leuchten Schilder mit der Aufschrift "Täglich frische Mädchen!". Vor einem Container mit dem Schriftzug "Thaimassage" steht ein Auto mit Kindersitz. Ein schwangeres Roma-Mädchen am Straßenrand winkt den Vorbeifahrenden. Die Fenster der Häuser sind mit schwarzen Folien verklebt. Ganze Dörfer scheinen nur noch aus Bordellen zu bestehen. 100000 deutsche Freier, so die Schätzungen der Behörden, kommen jährlich hierher. Manche Busse tragen die Aufschrift "Ficken Tour". Wo Deutschland endet, nehmen sich Deutsche alle Freiheiten heraus.

Nicht zuletzt diesem Sextourismus will die Große Koalition ein Ende setzen. Das neue Gesetz soll ausdrücklich auch für Deutsche gelten, die für eine billige Nummer nach Tschechien fahren und dabei die Augen vor der Not der Frauen verschließen. "Tag für Tag", so die Begründung des Gesetzesentwurfes, "macht sich eine Vielzahl von Freiern die Notlage von Zwangsprostituierten im Grenzgebiet zu den ehemaligen Ostblockstaaten zunutze."

Die Frauen arbeiten in alten Weinkellern, Schuppen und Wohnwagen, in Feldern und Wäldern – und natürlich in den unzähligen Bordellen: bieder wirkenden Einfamilienhäusern mit blickdicht eingezäunten Gärten. In der Pusa-Bar, einem Club mit Perserteppich-Imitaten, Plastikrosen und schwülstigen Polstersesseln, erscheint gerade Kundschaft. Männer mit Anzug und Krawatte erkundigen sich bei Petar, einem Mann in Trainingsanzug und mit Cartier-Panter um den Hals, ob sie das halbnackte Mädchen, das am Tresen eine Cola trinkt, mitnehmen dürfen. Sie wiegt, wie der Barbesitzer Petar preist, "keine 40 Kilo". Er sagt: "Deutscher Mann steht auf solche Frau."