Streng genommen dürfte es Bordelle nach tschechischem Recht gar nicht geben, erklärt der Polizeichef von Cheb, Jaroslav Kerbic. Doch weil die Etablissements "Nachtbar" oder "Penzion" heißen, können sie mitsamt ihrer deutschen Klientel ganze Dörfer zerstören. Man muss einmal mit Ludmilla Irmscher durch diese Region fahren, um zu verstehen, dass es hier nicht um Moral, sondern um alltägliche Gewalt geht.

Es ist kurz nach Mitternacht, die Straßenmärkte der Vietnamesen sind weggeräumt, und Irmscher, eine gebürtige Slowakin, steuert ihren silbernen Škoda durch die "rechtsfreie Zone" rund um die deutsch-tschechische Grenzstadt Aš. Sie arbeitet für den sächsischen Sozialverein Karo und kennt viele der Freier, die hier oft stundenlang durch die Straßen schleichen. Ein paarmal pro Woche fahren Irmscher und ihre Kollegen von der Zentrale des Vereins in der sächsischen Stadt Plauen hierher. Auf dem Rücksitz ihres Wagens liegt ein Beutel mit Kondomen, Gleitmitteln, Spritzen und rosa Schwämmen – Spezialtampons für Prostituierte. Die Mitarbeiterinnen von Karo verteilen diese Hygieneartikel an die Mädchen in den Dorfbordellen, in den Roma-Vierteln und auf dem Straßenstrich, wo nicht nur viel zu junge Mädchen, sondern auch völlig verwirrte und ganz offensichtlich misshandelte oder behinderte Frauen auf Kundschaft warten. Die Frauen hier, sagt Irmscher, lebten in ständiger Angst, es sei schwer, an sie heranzukommen, früher oder später würden sie sich "die Welt schön saufen", oder sie seien "völlig ausradiert" von einer Droge namens Pernik – einem Amphetamin, das hier mit Waschpulver gestreckt und gespritzt wird.

Was diese Szenerie so verrückt macht: Während die Sozialarbeiterinnen ihre durch Spenden finanzierten Tampons verteilen, fahren Freier mit deutschen Autokennzeichen vorbei. Und dann erscheinen die Zuhälter. Sie sitzen mit Ruderleibchen in schwarzen Autos, die ein Vermögen kosten. Wenn sie anhalten, öffnen die Mädchen ihre Bauchtaschen und reichen ihnen das Geld.

Irmscher bremst an einer Holzbaracke, in der drei Mädchen warten. Sie sagen, sie seien 18 Jahre alt, und signalisieren, dass sie jetzt nicht lange sprechen können, weil um die Ecke der Zuhälter parkt. Irmscher reicht ihnen Kondome durchs Fenster. Ein Mädchen diktiert ihr ein Münchner Kennzeichen. Der Fahrer habe sie nackt an einen Baum gebunden, erzählt sie, dann vergewaltigt und auf einem Feld ausgesetzt. "Die Freier hier", sagt Irmscher, "sind oft schwer gestört. Sie schneiden den Frauen gerne mal die Haare ab oder setzen sie im Wald aus. Sie leben ihre Fantasien aus, für die sie in deutschen Bordellen eins auf die Fresse kriegen würden." Und auch die Zuhälter seien brutaler: Würden Frauen widersprechen, käme es schon mal vor, dass sie "für einige Zeit in eiskaltes Wasser gesetzt" oder mit dem "Aufhängen an den Beinen" bedroht würden. Über 200 Frauen habe Karo bereits "rausgebracht": "Manche springen einfach ins Auto und wollen, dass wir mit ihnen nach Deutschland abhauen."

Die Sozialarbeiterinnen von Karo verfolgen verschiedene Ziele. Zunächst wollen sie die Frauen vor schweren Krankheiten bewahren – die meisten der Prostituierten sind bereits mit Hepatitis, HIV, aber auch zunehmend mit Syphilis infiziert. Darüber hinaus wollen Irmscher und ihre Kollegen einen Einblick in die "Szene" bekommen. Wie brutal sind die Freier? Woher kommen die Frauen? Es ist schwer, das herauszufinden. "Hier werden die Mädchen ja ständig von einem Dorf ins andere verschoben", sagt Irmscher.

Während die Politik die Freierbestrafung diskutiert, um den Frauen zu helfen, kämpft Karo ums Überleben. In der tschechischen Dependance des Vereins steht gerade einmal ein alter gynäkologischer Stuhl. Kein Arzt findet sich, um die Mädchen zu untersuchen. Das ist kein Zufall. Der selbstzufrieden wirkende Polizeichef der Stadt Cheb, Jaroslav Kerbic, beklagt, die Sozialarbeiter hätten "Schande über die Stadt gebracht". Es sei doch schon genug Schmach, dass die deutschen Freier kämen. Man brauche nicht auch noch deutsche Frauen, die den Tschechen erklärten, was hier auf den Straßen eigentlich los sei. Auf der anderen Seite der Grenze hat der konservativ regierte Freistaat Sachsen Karo die Fördermittel gestrichen, weil es ja kein deutsches, sondern ein tschechisches Problem sei, um das sich der Verein kümmere. Dazu kommt noch der Skandal, den Cathrin Schauer, mehrfach ausgezeichnete Chefin von Karo, ausgelöst hat. Im Auftrag von Unicef hatte die streitbare Krankenschwester niedergeschrieben, was sie hier selbst gesehen haben will: Kinderprostitution und Pädophilie. Das war kurz vor dem EU-Beitritt des Landes. Die Innenminister Deutschlands und Tschechiens versicherten sich gegenseitig, Karo übertreibe. Seither lebt der Verein von begrenzten EU-Subventionen und Privatspenden, etwa von Alice Schwarzer.