Noch ein Moment und noch einer und noch einer. Die Woche vorbeigeeilt, viele Monate einfach verschwunden. Was aber heißt dann ein neues Jahr? Für jemanden, der alt wird?

Über solche bange Fragen schreiben gerne Frauen, zumal ältere. Es hält sich hartnäckig die Meinung, dass Männer sich bei diesem Thema so zurückhielten, weil sie eher reiften denn alterten, ein Irrtum. Man muss nur die Augen aufmachen, um zu sehen, dass das nicht stimmt. Man kann bedauern, aus Fragen der Gleichstellung, dass Männern die Mittelchen fehlen, die Spuren des Alters zu tarnen. Vielleicht der Grund, warum ihnen so oft die jüngere Frau als letzte flankierende Ablenkungsmaßnahme erscheint, aber das ist ein anderes Thema (über das ältere Männer gerne Romane schreiben). Wie sich Alter anfühlt, ab wann dieses Gefühl eintritt, ob es Gewinne gibt oder nur Verluste, welche Haltung gegenüber dem Verfall des Körpers, des Geistes, des Selbst angemessen wäre, individuell gesehen und auch gesellschaftlich betrachtet, darüber denken immer wieder Frauen nach. Realismus als Stärke, möchte man sagen. Jedenfalls tun sie es mit einer Klugheit, welche man die Ernte einiger Generationen von Frauenbildung nennen könnte. Simone de Beauvoirs gelehrte Studie, Aberhunderte von eng bedruckten Seiten, desgleichen Betty Friedan, bei uns Hannelore Schlaffer, und jetzt Silvia Bovenschen – »Älter werden«.

Vorsichtiges Eintauchen in das Thema. Mit großer Gelassenheit

Es ist ein kleines, schmales Buch. Man kann es vorne aufschlagen oder in der Mitte, dann nach hinten blättern oder zurück. Womit auch schon die Methode beschrieben wäre, mit der Silvia Bovenschen, Literaturwissenschaftlerin, Essayistin mit soziologischem und philosophischem Handwerkszeug, sich ihrem Thema nähert. Eine des vorsichtigen Eintauchens an verschiedenen Punkten der zähen Themenmasse. Das ergibt Textsegmente, welche Titel tragen wie »Langweile« oder »Abwehrfallen« oder »Big Bang«. Es sind vielfach wiederholte Gesten des Versuchs, es wirkt so, als würde sie diesem einen und dann jenem anderen Gedanken näher treten, ihn wenden, verlassen, um sich anderen Gegenständen zu widmen. Zum Beispiel solchen, die im Strom der eigenen Biografie als Fundstücke vergangener Zeiten hochgespült werden. Betrachten, ablegen, wiederaufnehmen. Das Ich dient Bovenschen als Wegweiser, ohne dass sie das Autobiografische dem allgemeinen Sog zum Exhibitionismus überlassen würde. Es gibt ja eine Tradition, in die es sich einreihen kann, die Lichtenbergschen Aphorismen, Adornos Nachdenklichkeiten, dort ist das schreibende Ich zu Hause und bei sich.

Eine große Gelassenheit also. Das Buch stellt Einsichten vor, ohne sich zur steilen These zu versteigen, versagt sich die allgegenwärtige markterobernde Bestseller-Abräumgeste. Schon dies eine Erholung. Gerade beim Thema Alter, das ja ansonsten nur als Kaskade von demografischen Horrorszenarien über uns hereinbricht. Als Unglück.

Was also wäre älter werden anderes als ein Unglück? Älter werden jedenfalls auch Kinder, aber ohne deshalb alt zu sein, bemerkt Bovenschen klug, die en passant ihren 60. Geburtstag erwähnt. Ihr Bild zeigt eine strahlende Frau, im Rollstuhl. Nicht alle Beeinträchtigungen des Körpers kommen erst mit den Jahren, das vergisst eine Gesellschaft, die sich dem Wahn hingibt, durch Body-Styling sei Jugend als Muskelspannung zu zementieren. Und leicht übersieht, wie schon jüngere Menschen sich mit schleppenden Füßen durchs Leben quälen, wundert sich Bovenschen, die in jungen Jahren die ersten Auswirkungen einer Multiplen Sklerose spürte. Jung wie Fit? Fällt aus.

Ältere Menschen, lesen wir, seien jünger als alte. Jugendlich ist eben gerade nicht jung. Alles doch sehr merkwürdig. Man kann es selber sehen. Je älter alle werden, umso jünger fühlen sich viele, noch der 50-Jährige hält sich für zu unreif, zum Beispiel für Kinder. Während 40-Jährige ihn liebend gern als Opi aufs Altenteil schicken möchten, um jungen Leuten eine Chance zu geben, Leuten wie sie selber, die aus Sicht des 50-Jährigen das Etikett jung schon verspielt haben, als sie 30 wurden. Mitten im Leben fühlen sich viele 40-Jährige erst am Anfang. Und machen daraus trotzig ein Generationengefühl. Aber aus der Rücksicht, schreibt Bovenschen, möchten die meisten Menschen doch gerne 40 sein. Wofür auch immer das steht, das Jahr 40. Von Erwachsensein spricht heute kaum jemand.