Als Charles Darwin am 27. Dezember 1831 an Bord der Beagle in Richtung Teneriffa in See stach, war er ein brennend an allen Phänomenen der Natur interessierter, in Berufsfragen aber unentschlossener Student. Da es den Beruf des Biologen noch nicht gab, war er unschlüssig, ob er den Posten eines Landpfarrers anstreben solle, um auf diese Weise auch seinen Naturforschungen nachgehen zu können. Dies war der gewöhnliche Weg. Eine mehrjährige Reise musste das Vage seiner Lebensplanung verstärken, und daher musste er familiäre Widerstände überwinden, um das Abenteuer eingehen zu können, fast fünf Jahre in einer winzigen Kammer im Achterdeck des kleinen Seglers zu verbringen.

Als er zurückkehrte, war er ein vor Selbstbewusstsein strotzender, in den Strapazen und Gefahren der Seereise und der Erkundungen vor allem des südamerikanischen Kontinentes gefestigter Forscher. Er hatte angesichts tagelangen Regens, brütender Hitze sowie Nächten unter freiem Himmel, die teils unter dem Gefrierpunkt lagen, eine klaglose Resistenz gezeigt, er hatte angesichts von Kriegen, Revolutionen und Konflikten mit Eingeborenen Mut bewiesen, und er hatte ein so gewaltiges Material an pflanzlichen und animalischen Proben nach London verfrachtet, dass er sich sicher sein konnte, über viele Jahre auf der Grundlage dieses Materials forschen zu können.

Seine Eindrücke und Analysen hat er in einem Tagebuch sowie in Briefen festgehalten, die bei den Empfängern sofort den Eindruck erweckten, Rohstoff für ein Buch zu sein. Nach seiner Rückkehr hat Darwin von März bis September 1837 tatsächlich an einer Publikation gearbeitet, die im März 1838 gedruckt vorlag, aber erst im Mai 1839 erscheinen konnte, weil sie gemeinsam mit dem säumigen Reisebuch des Kapitäns Robert FitzRoy publiziert werden sollte. Von dem Verleger, der knapp 2000 Exemplare verkaufte, sah Darwin keine Münze, was ihn im Jahre 1845 auf das Werben des Verlegers John Murray eingehen ließ, eine revidierte Fassung herauszubringen. Dieses im Jahre 1860 geringfügig veränderte Buch hat Darwins Ruf als Geologe, Ethnologe und Biologe verbreitet. Sein Reiz liegt darin, dass es die phänomenbezogene Unmittelbarkeit der Reise noch atmet, in feinen Nuancen aber bereits von der Evolutionstheorie durchzogen ist, die Darwin erst nach der Rückkehr herauszubilden begann.

Von alldem berichtet die deutsche Neuausgabe von Darwins Reisebericht nur in Form eines Drucknachweises, und leider fehlt ein Kommentar zu Ernst Dieffenbachs Übersetzung der ersten Fassung von 1844 ebenso wie zur Übertragung der zweiten Version für die Gesammelten Schriften von 1875 durch Julius Victor Carus. Dies ist schon aus dem Grund bedauerlich, weil in Eike Schönfelds Neuübersetzung die lakonische Inspiration und die rhythmische Fluidität von Darwins Sprache auf kongeniale Weise umgesetzt ist. Die Sprache hat Drive, aber keine Hast, und vor allem die melodische Intensität der Beschreibungen etwa des brasilianischen Dschungels, der geologischen Formationen oder auch der Lagunen ist auf wunderbare Weise reanimiert.

Dass der Mare-Verlag das Buch der Weltumseglung in neuer Übersetzung herausbringt, ist höchst verdienstvoll und zugleich nicht ohne Ironie, weil für Darwin der Ozean ein öder Verschwender war, eine »große Wasserwüste«, die ihm selbst im Sturm als weniger eindrucksvoll erschien als das windgepeitschte Land. Die Korallenriffe waren ihm auch aus dem Grund die Krone aller Schöpfung, weil sie die mechanische Gewalt der Ozeanwellen in die pittoreske Architektur der Lagunen gebrochen hatten, und nur auf einigen Nachtwachen spürte er Anmutungen der erhabenen Seite des Meeres.

Überwältigt war er von der Pracht des Urwalds und der Schönheit Haitis. Auf die Enttäuschungen, die in Australien erstmals so etwas wie Heimweh produzierten, folgten mit den Korallenriffen der Südsee und der Üppigkeit von Ascension jedoch nochmals zwei Höhepunkte. Und als wäre der Reise ein literarisch geprägter Rhythmus eingegeben, geschehen immer, wenn die unablässigen Beschreibungen und Analysen in ihrer bisweilen unvermeidbaren Sprunghaftigkeit zu ermüden beginnen, überraschende und oft auch dramatische Ereignisse, wie etwa das Erdbeben von Concepción im Februar 1835, dessen angelsächsisch-nüchterne wie auch teilnehmende Betrachtung zu den eindrucksvollsten Passagen ihrer Art gehören dürfte.

Daniel Kehlmanns inspiriertes Vorwort ist nicht eigenwillig genug, um die Vorurteile zu durchkreuzen, die Darwins Buch umgeben. Kehlmann differenziert zwischen Alexander von Humboldt, dem Phänomenologen, der kein Gesetz habe finden können, und Darwin, dem Generalisten, der die Abstraktion der Regeln gesucht habe. Nach diesem Muster erweist sich Darwins Reisebeschreibung als ein Werk, das seinen Reiz daraus bezieht, dass der Autor gleichsam noch nicht zu sich selbst gekommen sei. Es ist aber kein Produkt der naiven Jugend, in der sich allein der Überschwang des Ersterlebens äußert, sondern das Ergebnis zweier teils lange nach der Reise unternommener Bemühungen. Und wenn Kehlmann den betagten Darwin zitiert, er sei gleichsam so »farbenblind« geworden, dass selbst die großartigsten Erlebnisse Südamerikas ihm keinen Enthusiasmus mehr vermitteln könnten, so verwechselt er Psychologie mit Methode. Aus Darwins Ermüdung sprechen die auszehrenden Kämpfe um Evolution und Theologie, die familiären Todesfälle, die unerträgliche Überlastung durch Korrespondenz und Publikationen sowie die buchhalterische Mechanik der Pflanzenstudien, nicht aber ein Nachlassen der Insistenz, wie sie sich etwa in seinen Studien zu den Würmern äußert, die er in den letzten Lebensjahren betrieb. Die Verteidigung dieses Forscherinteresses für das scheinbar Geringste begründete er mit einer Inbrunst, die dem Beagle- Reisebericht hätte entstammen können.