In Hamburg-St. Pauli proben 85Grundschüler mit englischen Choreografen, darunter Royston Maldoom, bekannt aus dem Film Rhythm Is It!. Schon nach ein paar Tagen müssen die verblüfften Lehrer eingestehen, so viel Selbstbeherrschung hätten sie bei den Kindern noch nie erlebt. In Bremen fahren Migrantenkinder ins Sommercamp. Drei Wochen lang haben sie jeden Tag zwei Stunden Deutsch und zwei Stunden Theater. Anschließend Freizeit und Abenteuer. Das Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung hat den Lernfortschritt dieser Wochen gemessen. Er übersteigt den eines Schuljahrs.

In den Kindern steckt mehr, als die meisten Erwachsenen glauben. Fehlt also die Herausforderung? Worin könnte sie bestehen? Darüber kommt eine neue Bildungsdebatte auf, eine zweite nach Pisa. Bücher dazu haben Hartmut von Hentig, der Nestor der deutschen Pädagogik, und Bernhard Bueb, Hentigs ehemaliger Assistent beim Aufbau der Laborschule in Bielefeld, geschrieben. Bueb hat 30 Jahre lang das Internat Salem geleitet. Beide Autoren stellen Gemeinschaft und Erziehung in den Mittelpunkt. Dafür müssen sie eine Woge von Missverständnissen in Kauf nehmen. Will Hentig etwa einen Arbeitsdienst? Wohin will Bueb zurück, wenn er die Disziplin lobt? Gemach.

Hartmut von Hentig macht zwei Vorschläge. Während der Pubertät, also in den Klassen 7 bis 9, will er die Schule so weit wie möglich »entschulen«. Jugendliche sanieren zum Beispiel ein Bauernhaus. Sie gehen auf große Fahrt, lernen eine Fremdsprache im Ausland – aber nicht als Gastschüler. Sie machen naturwissenschaftliche Experimente, oder sie leisten soziale Arbeit. Die Schule wird zum Basislager für ihre Expeditionen, zum Rückzugsort für Übungen in den Kulturtechniken.

Hentigs zweiter Vorschlag: Nach dem Ende der Schulzeit ein verpflichtendes soziales Jahr für alle. »Ich wünsche, dass junge Menschen erfahren, was eine Gemeinschaft ist«, schreibt er und führt diese Idee in seinem Manifest Bewährung aus. Er hat den Entwurf vor einem Jahr zu seinem 80. Geburtstag mit Freunden diskutiert, sein pädagogisches Testament. Er bringt seine Vorbehalte gegen die Schule und seine Passionen für sie auf den Punkt: Zumeist werden Kinder bloß zu Schülern gemacht und infantilisiert.

Seine Hoffnung ist nicht kleinzukriegen. Die Schule sollte eine Polis werden, in der Kinder Lust darauf bekommen, erwachsen zu werden. Sie sollten »die nützliche Erfahrung, nützlich zu sein«, machen. Das Lernen von Deutsch oder Mathematik ließe sich dann kaum noch verhindern. Übrigens: Im Bremer Sommercamp haben die Kinder gefragt, wo denn die Mathematik bleibe.

Lust aufs Erwachsenwerden, dieses eigentlich selbstverständliche erste Ziel, verfehlen die Bildungseinrichtungen am weitesten. Hentig fürchtet, nach Pisa hätten sie sich davon noch mehr entfernt. Kompetenzen schulen? Schön und gut. Aber was wird aus den Personen? »Ich erlebe«, schreibt er, »dass sie zu Funktionären des Systems werden, erst in der Schule, dann im Erwerbsleben.« Dagegen setzt er »Gemeinsinn«, macht Vorschläge für eine radikale Praxis und weist erste Schritte, wie Städte und Regionen sein Konzept erproben könnten. Natürlich soll der Versuch »evaluiert« werden. Vielleicht wird man sich über die Ergebnisse ebenso wundern, wie Jürgen Baumert, Direktor am MPI für Bildungsforschung, der die Zahlen übers Bremer Sommercamp zuerst nicht glauben konnte.

Bernhard Bueb hat ebenfalls sein pädagogisches Testament geschrieben. Der Leiter der Schulen Schloss Salem ging vor einem Jahr in den Ruhestand und machte sich ans Bilanzieren. In einem Essay für die FAZ schrieb er vom »Recht der Jugend auf Disziplin«. Selten soll eine solche Vielzahl an positiven Reaktionen eingetroffen sein. Das gab den Ausschlag, das Buch zu schreiben und wohl auch die Disziplin nach vorn zu stellen. Prompt druckte die Bild- Zeitung fünf Tage hintereinander Ausschnitte ab. Weil auch dort die Leserreaktion alle Erwartungen übertraf, stand Bueb in Riesenlettern auf Seite 1: Deutschlands strengster Lehrer.

Worum geht es? »Die Kunst der Erziehung haben wir verlernt«, schreibt Bueb. Das liege daran, dass die Erwachsenen nicht an sich selbst glaubten. In der Tat. Erinnern nicht viele Lehrer, Eltern und Kita-Erzieher an Gastgeber, die bei einem Fest so tun, als wären sie gar nicht da? »Ihr wisst ja, wo der Kühlschrank steht«, sagen sie an der Tür. Das war’s. Keine Begrüßung. Wenig Form. Kaum ein Ritual. Solche nicht erwachsen gewordenen Erwachsenen geben ihren Kindern oder Schülern zu verstehen: Seht zu, wie ihr durchkommt, vielleicht wisst ihr besser, wie man lebt. Erwartet von uns nichts.

Bueb will »Mut zur Erziehung« machen. Damit meint er, die Erwachsenen sollten sich nicht verstecken. Sie schuldeten den Kindern Lebensformen und Herausforderungen. Sie mögen doch bitte für das, was sie für richtig halten, einstehen. Bueb will »die Würde der Erwachsenen wieder herstellen«.

Royston Maldoom, der englische Choreograf ist ganz nach Buebs Geschmack und einer seiner Helden. Er sagt den Kindern, ihr seid besser, als ihr glaubt, und das will ich auch sehen. Er sagt: »Geht aus euch heraus«, und er verlangt, dass alle zuhören, wenn er oder ein anderer spricht. Er sagt: »Ich bin sehr streng«, und noch nie haben die meisten Kinder so viel Zutrauen erfahren wie bei ihm. Und tatsächlich sind die Proben ein Kampf um Disziplin und Form. Die Kinder sind dankbar für die Struktur und für den Spielraum, den sie dadurch erhalten. Dieses Yin und Yang der Pädagogik, viel geben und viel verlangen, wird nun im Entweder-oder-Land langsam entdeckt.

Doch manchmal ist es, als würde Bueb seine Entdeckung gleich wieder verdecken. Je weiter er sich von der Selbstreflexion der Erwachsenen entfernt, desto häufiger klingen seine Appelle, als sei die Würde der Erwachsenen von den Kindern bedroht. Dann klingt es, als gelte es, die Barbaren zu bändigen. Der Dialog zwischen Kindern und Erwachsenen, den heute bereits die Säuglingsforschung als den Kern der Entwicklung und auch des Lernens herausarbeitet – nichts davon bei Bueb.

Er fordert Respekt der Kinder vor den Erwachsenen. Aber Respekt kann man schwer verlangen. Respekt, das sagt schon das Wort, ist die Art, wie zurückgeblickt wird. Wenn Bueb anfängt, Disziplin und Gehorsam zu predigen, riecht es zuweilen nach Pulverqualm im Generationenkrieg. Die Preisungen des Spiels als stärkstes Bildungsmedium und die Mahnung, dass kein Lernen gelingt, wenn Kindern die Selbstachtung fehlt, stehen als ganz andere Predigt daneben.

Bueb setzt auf Autorität. Aber was ist, wenn die Autorität weder in der Person des Erwachsenen noch einer Tradition fundiert ist? Sie trotzdem und umso mehr proklamieren? Diese Frage stellte bereits Hannah Arendt 1958 in ihrem visionären Vortrag Krise der Erziehung. »Die Autorität ist von den Erwachsenen abgeschafft worden, und dies kann nur eines besagen, nämlich dass die Erwachsenen sich weigern, die Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in welche sie die Kinder hineingeboren haben.«

Qualität jenseits der Ingenieurspädagogik

Dann, so meinte sie, stehen Neugründungen an. Dann muss man, wie Hentig, wieder und wieder über den Umbau der Institutionen nachdenken. Bueb ist hier weniger eindeutig. Wenn er an Salem denkt, setzt er auf Disziplin und Gehorsam. Sieht er sich in der Bildungslandschaft um, sieht er in Gründern und Umgründern wie Enja Riegel aus Wiesbaden und Alfred Hinz von der Bodensee-Schule in Friedrichshafen Verbündete. Sie haben mit Theater und selbstständiger Arbeit der Schüler jenseits aller Ingenieurspädagogik neue Formen des Lernens geschaffen und dabei die allerbesten Ergebnisse eingefahren.

Nach Pisa ist die geschwollene deutsche Rede über Bildung kleinlaut geworden und auf den Kompetenzbegriff geschrumpft. Jetzt lernt man, das Wort Erziehung neu zu buchstabieren. Dabei geht es vor allem um die Erwachsenen. In welche Welt wollen sie die nächste Generation hineinziehen?