Schon die frühesten schriftlichen und bildlichen Dokumente der Menschheit verraten ein besonderes Interesse an der Erklärung geistiger Fähigkeiten. Die alten Mythen und religiösen Texte berufen sich meist auf eine von höheren Mächten geschaffene Seele. Unsere heutigen Erklärungen sind profaner. In ihnen ist nicht von göttlichen Schöpfungsakten, sondern von den elektrochemischen Aktivitäten kleiner Nervenzellen die Rede. Doch: Helfen uns die Erkenntnisse der Neurowissenschaften wirklich, zu begreifen, wie unsere Schmerzempfindungen, Gedanken oder Entschlüsse entstehen? Und wenn sie dies tun: Hieße das nicht, dass unsere geistigen Akte in Wirklichkeit nur simple physische Prozesse sind? Würde das nicht unser gesamtes Menschenbild auf den Kopf stellen? Wie auch immer die Antwort lauten mag – in jedem Falle erfordert sie eine Klärung der philosophischen Grundlagen der Hirnforschung.

Einer der profiliertesten Autoren auf diesen Gebiet ist John Searle, Philosoph an der Universität Berkeley. Eines seiner Meisterstücke war das Gedankenexperiment des »chinesischen Zimmers«, das aus der Diskussion über die Künstliche Intelligenz nicht mehr wegzudenken ist. Searle hat unter dem Titel Geist nunmehr eine Einführung in die Philosophie des Geistes vorgelegt. Er gibt darin einen bestens strukturierten Überblick über die neuere Diskussion in dieser Disziplin. Searle mimt jedoch nie den unbeteiligten Beobachter, sondern stürzt sich mit viel Temperament in den Meinungsstreit. Sein Urteil über die Arbeit seiner Kollegen ist wenig schmeichelhaft: Die einflussreichsten Theorien in der Philosophie des Geistes seien sämtlich falsch.

Searles Generalangriff beginnt beim Substanzdualismus cartesianischer Prägung. Substanzdualisten unterscheiden eine immaterielle Seelensubstanz von Körper und Gehirn. Die Seele wirke auf den Körper zum Beispiel bei Willensakten ein, der Körper auf die Seele in der Wahrnehmung. Searles Einwände sind berechtigt: Wie kann eine immaterielle Substanz auf die physische Welt einwirken, ohne mit naturwissenschaftlichen Prinzipien in Konflikt zu geraten? Anders als es Searle behauptet, ist der Substanzdualismus jedoch mittlerweile die Sache einer kleinen Minderheit. Wer heute dualistische Intuitionen hat, der vertritt in der Regel eine wesentlich raffiniertere Art des Dualismus und der wird nicht so ohne weiteres von Searles Einwänden getroffen.

Nicht viel gnädiger verfährt Searle mit dem materialistischen Monismus. Ihm wird vorgehalten, dass er der eigenständigen Realität des Geistes nicht gerecht werde. Auf radikale Spielarten des Materialismus mag dieser Vorwurf zutreffen; andere Varianten dagegen stellen die Realität des Geistes gerade nicht infrage. Mehr noch: Sie sind gar nicht so weit von Searles eigenem »Biologischen Naturalismus« entfernt. Der unterstellt, dass Bewusstsein zwar vollständig von neuronalen Prozessen abhängig ist, aber eben nicht in neurobiologischen Kategorien erfasst werden kann: Unsere subjektive Perspektive der ersten Person ist unverzichtbar. Hier wie in vielen anderen Punkten kann man Searle aus ganzem Herzen zustimmen – auch wenn sein Anspruch, im Dunkel der gegenwärtigen Verwirrung »die« Lösung des Leib-Seele-Problems zu liefern, sicherlich ein wenig überzogen ist.

Größere Probleme habe ich mit Searles Antwort auf das Problem der Willensfreiheit. Nach Searle unterstellen wir, dass jedes Ereignis in unserer Welt eine hinreichende Ursache hat, nur bei unseren Handlungen machen wir eine Ausnahme: Wir meinen uns für oder gegen eine Option entscheiden zu können, ohne dabei festgelegt zu sein. Auch Searle glaubt, dass wirkliche Freiheit eine solche »Lücke« im Geflecht von Ursachen und Wirkungen erfordert. Nur unter dieser Bedingung könne von echten, durch Wünsche und Überzeugungen bestimmten Handlungen die Rede sein. Doch würde uns eine solche Lücke mehr Freiheit bringen? Wohl kaum! Eine solche Lücke hätte doch nur zur Folge, dass meine Handlung nicht durch mich und meine Überzeugungen festgelegt wird. Keineswegs gewinne ich dadurch mehr Einfluss: Wenn die Handlung unbestimmt ist, kann sie auch nicht durch mich bestimmt sein.

Trotz aller Kritik: Auch dort, wo man Searle nicht zustimmen kann, sind seine Argumente intelligent und klar, die Auseinandersetzung mit ihnen lehrreich. Searle gelingt es zudem immer wieder, die zentralen Schwierigkeiten und Streitpunkte der Diskussion herauszuarbeiten. Die großen Linien der Auseinandersetzung werden daher auch für diejenigen erkennbar, die mit der Diskussion nicht so vertraut sind: Für sie ist eine solche Einführung schließlich gedacht.

Dem Wissenschaftshistoriker Michael Hagner geht es demgegenüber in seinem Buch über den Geist bei der Arbeit vor allem um die historischen und kulturellen Hintergründe: Deren Kenntnis liefert eine umfassendere Perspektive bei der Beurteilung der oft weitreichenden Prognosen und Ansprüche der Hirnforscher.