Das Phänomen ist seinen Werken polyglott eingeschrieben: tristitia, sadness, "Traurigkeit", tristesse. Nun führt George Steiner zehn Gründe dafür an, dass Denken naturgemäß traurig mache. Auf siebzig Seiten breitet der kunstliebende Intellektuelle sie aus: Das Denken sei nicht fassbar, es tendiere zum Zirkulären, sei unabschließbar, verschwenderisch, nutzlos, reiche nicht an die "Wahrheit", geschweige denn die eines anderen heran, sei heillos sprach- und körpergebunden, bleibe eine elitäre Tätigkeit, sei stets ablenkbar und wende sich gegen sich selbst.

In seinem verehrungsvollen Nachwort preist Durs Grünbein die musikalische Schönheit dieser schwermütigen Denkvariationen über ein Zitat Schellings, das dem Aufsatz als Basis dient. Grünbein übersieht, dass Steiner Entscheidendes ausblendet. Das Zitat lautet: "Dies ist die allem endlichen Leben anklebende Traurigkeit, die aber nie zur Wirklichkeit kommt, sondern zur ewigen Freude der Überwindung dient. Daher der Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist, die tiefe unzerstörliche Melancholie alles Lebens. Nur in der Persönlichkeit ist Leben; und alle Persönlichkeit ruht auf einem dunklen Grund, der allerdings auch Grund der Erkenntnis sein muß."

Steiner engt das Zitat ein auf das Denken und auf den Menschen. Von der belebenden Formulierung "Traurigkeit, die aber nie zur Wirklichkeit kommt, sondern zur ewigen Freude der Überwindung dient", findet sich keine Spur. Über die so wichtige "Persönlichkeit" liest man nichts. Den "Schleier der Schwermut" fasst er unrichtig auf.

Das Fundament seiner Abhandlung ist also nicht recht stabil, die daraus folgenden Schlüsse sind es oft ebenfalls nicht. Begriffliche und sprachliche Unschärfe durchziehen den Text. Das beginnt schon mit dem Satz: "In Wirklichkeit wissen wir nicht, was Denken ist." Warum schreibt Steiner dann so ausführlich über das Unbeschreibliche? Dem Sprachliebhaber und Übersetzungsfachmann unterlaufen Sätze wie: "Die eisberghafte Masse menschlichen Denkens verschwindet … im Kehricht des Vergessens". Steiner weiß nur ungenau, was "dunkle Materie" kosmologisch bedeutet, und nimmt unzutreffend eine Analogie zwischen "unzerstörlicher Melancholie" und "Hintergrundstrahlung" an. Ein Quantensprung – zugegeben, ein allgemeiner Irrtum – ist kein Fortschritt. Dann wiederholt Steiner sich, nimmt Zuflucht zu Behauptungen: "Wunderkinder auf dem Gebiet des Gedächtnisses gelangen selten zur Reife."

Als berührend persönliches Quasibekenntnis eines geachteten Denkers hat Steiners Buch seine Bedeutung. Die subjektive Wahrheit seiner These in den Mittelpunkt zu stellen hätte sie gesteigert. Doch auf fast jeder Seite reizt das Buch zum Widerspruch, zur Korrektur, zur Überprüfung, zum Gegendenken.

Gerade das freilich – ob er es darauf angelegt hat? – treibt dazu, andere Texte aufzuschlagen: von Lessing, Lichtenberg, Moritz, Kluge. Und als Gipfel von Klarheit, Witz, Evidenz und Illusionslosigkeit Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung. Wie greifbar sind bei ihnen allen der dunkle Urgrund der Erkenntnis, der Kunst und die "Freude des Denkens" (Moritz)! Rolf-Bernhard Essig