Fidelitas , Treue, heißt die Maxime des Hauses Baden, worauf die Markgrafen vom Bodensee auf ihrer Homepage voller Stolz verweisen. Mit der Treue gegenüber ihrem Besitz und den daraus erwachsenden Verpflichtungen nimmt es die traditionsreiche Familie allerdings nicht so genau. Auch das ist inzwischen Tradition. Nachdem sie bereits 1995 in einer spektakulären Auktion den gesamten Kunstbestand und Hausrat ihres Stammsitzes in Baden-Baden verscherbelt hatte und vor zwei Jahren endlich auch das Schloss selbst an einen kuwaitischen Hotelkonzern losschlagen konnte, geht der Ausverkauf weiter. Nun sind rund 3500 wertvolle Handschriften aus dem Bestand der Badischen Landesbibliothek dran. Auf einen Erlös von 70 Millionen Euro hoffen die Grafen; sie sollen zur Sanierung und Instandhaltung von Schloss Salem, dem jetzigen Familiensitz, verwendet werden.

Ein skandalöser Vorgang, nicht nur, weil damit einer großen Bibliothek das Herz herausgerissen würde. Es ist nicht einmal klar, ob die Bücher den Markgrafen überhaupt noch gehören. Seit 1918 sind die Eigentumsverhältnisse zwischen Land und Familie ungeklärt; sechs Rechtsgutachten haben keine Lösung gebracht. Nun soll ein Deal reinen Tisch machen: Kunst im Wert von 250 Millionen Euro fällt endgültig an das Land, dafür dürfen die Badener ihre Bücher meistbietend verkaufen – nachdem sie ihnen 90 Jahre lang schnuppe waren. Die Erschließung, Katalogisierung und Restaurierung der wertvollen Bestände wird seit Jahrzehnten allein mit öffentlichen Mitteln betrieben.

Um den Zorn seines Volkes zu beruhigen, hat der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger versprochen, es würden nur solche Werke verkauft, die mit dem Ländle nix zu schaffe hätten. Aber gerade das sind die Spitzenstücke der Sammlung, osmanische, französische, italienische Handschriften, Kulturgut von europäischem Rang, das in den Tresoren von Privatsammlern oder überseeischen Museen verschwinden dürfte.

Auch die Sorge um Schloss Salem scheint nur vorgeschoben. In Wahrheit sind die Grafen notorisch klamm, ihre Weingüter, Restaurants, Fischzucht, Land- und Forstwirtschaft sowie ein Wald voller Affen bringen nicht genug ein; der Abbau von Schulden in dreistelliger Millionenhöhe, mit der Auktion von 1995 begonnen, sei nicht abgeschlossen, sagen Kenner der Verhältnisse. Sie vermuten aber auch, dass das Finanzministerium des Landes den Deal mit den Markgrafen vorangetrieben habe. Es war bisher mit zuständig für den Erhalt von Schloss Salem und würde mit dem Büchergeld eine lästige Verpflichtung los.

In jedem Fall ist der Vorgang eine Schande für ein Bundesland, das dem Rest der Republik gern mit seinem Wohlstand und seiner Kultur auf die Nerven geht. Der Landtag muss dem Deal noch zustimmen. Da können die Abgeordneten beweisen, dass ihnen die fidelitas zum kulturellen Erbe wichtiger ist als ihren früheren Herrschern. Christof siemes