Außerhalb dieser angestrebten atomenergiefreien Zone entwickelt sich die Branche munter weiter. Die globale Kooperation betrifft sogar die Nutzung von Spaltmaterial aus abgerüsteten Atomwaffen. So unterzeichneten Mitte September Russland und die USA ein Protokoll über die Verarbeitung von waffenfähigem Plutonium, das zur Herstellung von mehr als 10000 Sprengsätzen ausreichen würde. Russland hat für mehrere Milliarden Dollar waffenfähiges Material an die USA zur zivilen Nutzung verkauft. Auch Tophersteller von Kernkraftwerken werden gehandelt. So übernahm Anfang des Jahres der japanische Toshiba-Konzern für 5,4 Milliarden Dollar die US-Firma Westinghouse. Diese kaufte zuvor die Nuklearsparte der schwedisch-schweizerischen Asea Brown Boveri (ABB) – die beiden haben rund die Hälfte aller weltweit laufenden Leichtwasserreaktoren hergestellt.

Zusätzlichen Schub haben der Nuklearforschung und der Reaktorentwicklung die steigenden Energiepreise verliehen. Mittlerweile arbeiten 25 Nationen und die EU (siehe Karte) unter dem Dach der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA an Inpro, dem Internationalen Projekt für Innovative Nuklearreaktoren und Brennstoffzyklen. Offiziell ist auch Deutschland dabei, wie das Bundesforschungsministerium in seinem High-Tech-Strategiepapier vermerkt. Allerdings dürfen deutsche Forscher nur formal mitarbeiten, die ausstiegsorientierte Politik duldet nur Sicherheitsforschung für die laufenden Reaktoren oder für die direkte Endlagerung. Die Inpro-Konzepte reichen jedoch bis in das nächste Jahrhundert. Die derzeit entwickelten Reaktoren der »4. Generation« kommen von 2030 an zum Einsatz und werden mindestens 60 Jahre lang laufen.

Deutschland hingegen plant den Ausstieg. 2020 soll der letzte Meiler abgeschaltet werden; nach jeweils 32 Jahren Laufzeit kommt das Aus für die gegenwärtigen Kraftwerke der »2. Generation«. So werden vorhandene Ressourcen verschwendet. In den USA und anderen Ländern sind Laufzeiten von 60 Jahren Standard. Auch die einst ausstiegswilligen Niederländer gönnen ihrem Reaktor nun eine so lange Laufzeit.

Aber auch nach sechs Jahrzehnten muss nicht zwangsläufig Schluss sein. Kernkraftwerke sind aus Sicherheitsgründen Panzerbauten, deren Strukturen Jahrhunderte überdauern können. »Es gibt Pläne, durch Strahlenbelastung gefährdete Teile wie das Innere von Reaktordruckgefäßen mit austauschbaren Verkleidungen zu schützen«, sagt Peter Fritz, Vorstandsmitglied am Forschungszentrum Karlsruhe (FZK). Das könnte die Laufzeiten nochmals verlängern.

Am FZK betreibt noch eine kleine Wissenschaftlerschar Nuklearforschung. Thomas Schulenberg, Leiter des Instituts für Kern- und Energietechnik skizziert ein weiteres Konzept, um Kernkraftwerke effizienter zu machen. »In der Vergangenheit hat sich die Nukleartechnik vor allem auf mehr Sicherheit konzentriert«, sagt er. Nun versuche man, auf die Reaktoren Fortschritte zu übertragen, »die in konventionellen Kraftwerken längst erprobt sind«. Gas- und Kohlekraftwerke nutzen die Energie viel besser als Kernkraftwerke, indem sie »superkritischen« Dampf erzeugen, der bei viel höheren Temperaturen und Drücken die Turbinen antreibt. Steigen Arbeitsdruck und Temperatur eines Kraftwerks, dann steigt auch sein Wirkungsgrad, die Energienutzung. Den superkritischen Gas- und Kohlekraftwerken sollen superkritische Kernreaktoren folgen.

Dieser neue Reaktortyp wurde Ende 2002 in einem internationalen Auswahlverfahren als zukunftsträchtig gekürt. Er zählt mit fünf anderen Typen zu den sechs Kraftwerken der 4. Generation. An diesen forschen unter der Ägide eines internationalen Forums alle G8- und alle EU-Staaten (über Euratom), ferner Argentinien, Brasilien, Südafrika, Südkorea und die Schweiz. Diese Staatengemeinschaft will drei Techniken reaktivieren, an deren Entwicklung Deutschland einst beteiligt war: Zur 4. Generation gehören Schnelle Brüter (sie wandeln nichtspaltbares Uran in Brennstoff um, siehe Grafik), ein weiterentwickelter Hochtemperaturreaktor und Anlagen für eine neue Form der Wiederaufarbeitung.

Diese Variante des Brennstoff-Recyclings erweitert die klassische Rückgewinnung von Uran und Plutonium um drei mit Plutonium verwandte Stoffe: Neptunium, Americium und Curium. Die drei Elemente entstehen wie das Plutonium als Nebenprodukte im Reaktor. Sie sind alle radioaktiv und stehen im Periodensystem der chemischen Elemente neben Uran, aus dem sie künstlich entstanden sind, und heißen auch Transurane. Sie sind, wie Plutonium, sehr energiereich, aber auch gefährliche Strahlengifte mit sehr langen Zerfallszeiten. Deshalb erfordern sie Endlager, die bis zu einer Million Jahre lang sicher sind. Von dem neuen Verfahren versprechen sich die Forscher drei wesentliche Vorteile: