Wie schnell sich Vorurteile wandeln können. 2002 wurde in Brasilien der Arbeiterführer Luiz Inácio (Lula) da Silva als Hoffnungsträger der Unterschicht zum Staatspräsidenten gewählt, und die Finanzwelt stellte sich auf den großen Zusammenbruch ein. Jetzt blüht die brasilianische Wirtschaft.Alle makroökonomischen Daten einschließlich der Arbeitslosenquote und der Armutsrate haben sich zum Positiven gewendet, der 60-jährige Lula ist zum Darling der Finanzmärkte geworden, und am 1.Oktober dürfte er erneut die Präsidentschaftswahlen gewinnen. Er hatte in seiner ersten Amtszeit vor allem eins: viel Glück.

In Brasilien passierte das gleiche wie in vielen lateinamerikanischen Ländern ringsherum: Die robuste Weltkonjunktur und der schier unstillbare Hunger der Chinesen nach Rohstoffen und Agrarprodukten ließen die brasilianischen Exporte seit 2003 um jährlich 20 Prozent steigen. 2002 hatte Brasilien noch ein Leistungsbilanzdefizit verzeichnet, im vergangenen Jahr fuhr das Land einen Überschuss von 1,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ein. Ende nächsten Jahres wird es über fast 100 Milliarden Dollar Devisenreserven verfügen.

Unter Lula ist Brasilien vom chronischen Schuldnerland zum Gläubigerland geworden. Es blieb sogar einiges für Verbesserungen im Landesinneren übrig. Lulas Programm Fome Zero (Null Hunger) verschlang mit nur 0,4 Prozent des BIP zwar nicht sehr viel Geld, konnte aber die Einkommen eines Viertels der brasilianischen Bevölkerung um durchschnittlich 21 Prozent steigern.

Trotzdem, den großen wirtschaftspolitischen Durchbruch hat der Hoffnungsträger Lula nicht geschafft: das Land nachhaltig auf einen Kurs höheren Wachstums zu bringen.

Im Oktober 2003, zehn Monate nach Lulas Amtsantritt, hatte die US-Investmentbank Goldman Sachs eine viel beachtete Analyse mit dem Titel Dreaming with the BRICs (Träumen mit den BRIC-Staaten) herausgegeben. Darin prognostizierte Goldman Sachs, dass die Volkswirtschaften Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas in 40 Jahren größer sein würden als die der heutigen sechs größten Wirtschaftsmächte. Für den Giganten am Amazonas veranschlagten sie ein durchschnittliches Wachstum von 3,6 Prozent über die nächsten 50 Jahre, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sich die Wirtschaftsleistung dafür noch um einiges verbessern müsse. Die Rückkehr zum Wachstum ist die einzige Möglichkeit und die einzige Medizin, um zu verhindern, dass wir in einem ewigen Teufelskreis zwischen niedrigen Inflationszielen, hohen Zinsen, scharfen Wechselkursschwankungen und einer Erhöhung der öffentlichen Schuldenlast stecken bleiben, hatte Lula selbst schon 2002 in seinem berühmten Brief an das brasilianische Volk erklärt.

Erfüllt haben sich diese Hoffnungen bisher nicht. Nur 2,5 Prozent betrug das Wachstum seit Lulas Amtsantritt im Schnitt pro Jahr.

Die Wurzel der brasilianischen Probleme sind die hohen, aber ineffizient eingesetzten Staatsausgaben. Zu viel Geld wird verschleudert, zu wenig in wirklich sinnvolle Infrastrukturprojekte wie Straßen und Häfen, in Bildung und Gesundheit gesteckt. So machen die Sozialausgaben etwa ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung aus, was knapp unter dem Durchschnitt der Industrieländer liegt. Von diesem Geld fließt jedoch wiederum nur knapp ein Viertel wirklich in notwendige oder produktive Zahlungen zugunsten der Sozialhilfe, Bildung oder Gesundheit. Knapp zwei Drittel des Geldes schluckt das Rentensystem, dessen Beitragszahler sich im Schnitt schon mit 50 zur Ruhe setzen und in dem einzelne Berufsgruppen wie Beamte teure Privilegien genießen. Lulas Versuche, dies zu ändern, scheiterten an zahlreichen Interessengruppen.