DIE ZEIT: Frau Zypries, die Bundesregierung plant, die Freier von Zwangsprostituierten zu bestrafen. Was müssen Kunden von Prostituierten wissen?

Brigitte Zypries: Nachdem wir in der vergangenen Legislaturperiode die Strafbarkeit des Menschenhandels umfassend neu geregelt haben, geht es jetzt darum, auch denjenigen bestrafen zu können, der als Freier die Zwangslage einer Prostituierten ausnutzt. Nehmen Sie folgendes Beispiel: Am Straßenrand in einem osteuropäischen Nachbarland steht eine junge Frau. Die Frau ist sichtbar verschreckt, kann sich sprachlich nicht verständigen und weist blaue Flecke auf. Ihr »Beschützer« steht in Sichtweite und kassiert das Geld. Der Freier registriert all diese Umstände bewusst, ihm ist klar, dass die Frau wohl nicht freiwillig der Prostitution nachgeht, sondern dazu gezwungen wird, es ist ihm aber egal. Damit soll er künftig nicht mehr davonkommen. Auch nicht, wenn er Deutscher ist und nur mal eben über die Grenze gefahren ist, um sich Liebesdienste zu kaufen.

ZEIT: Ist das das Ende des »freien Freiers«, der sich nicht dafür interessieren muss, ob die Frau vor ihm zu ihrer Arbeit genötigt wird?

Zypries: Jeder Freier hat sich auch heute schon dafür zu interessieren, unter welchen Bedingungen eine Prostituierte arbeitet. Wer eine Frau gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen mit ihm zwingt, macht sich strafbar – wegen sexueller Nötigung oder Menschenhandel. Wenn für den Freier offensichtlich ist, dass die Frau sich gezwungenermaßen prostituiert – vielleicht gefangen gehalten wird –, und er tut nichts, kann er sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar machen. Das ist natürlich stark von den Umständen des Einzelfalles abhängig.

ZEIT: Wie sollen Gerichte den Beweis erbringen, dass ein Freier wusste, dass er es mit einer Zwangsprostituierten zu tun hat?

Zypries: Das wird nicht einfach sein, das ist mir klar. Aber es geht ja nicht nur um die Strafe selbst, sondern auch um einen Appell zu mehr Aufmerksamkeit und Verantwortung. Mit einem Straftatbestand allein ist es natürlich nicht getan.

ZEIT: Wie viele Prostituierte sind überhaupt Opfer? Ein Ermittler des Hamburger Landeskriminalamtes schätzt, dass 95 Prozent der Frauen Zwangsprostituierte seien.