Eigentlich sollte man Kirsten Harms dankbar sein. Mit ihrer falschen Entscheidung, Mozarts Idomeneo in der Inszenierung von Hans Neuenfels aus dem Spielplan zu streichen, hat die Intendantin der Deutschen Oper Berlin der Kunst einen großen Dienst erwiesen. Denn es erhob sich ein gewaltiger Protest, angeführt von den Spitzen der Gesellschaft, die mit dem Grundgesetz, Artikel 5 Absatz 3, riefen: Die Kunst ist frei! Dem Regisseur Neuenfels müssen die Ohren geklungen haben, mit welcher Emphase plötzlich verteidigt wird, was seit der turbulenten Premiere vor drei Jahren Beschimpfungen und massiver Kritik ausgesetzt ist. Sogar die Bundeskanzlerin ist nun ganz entschieden: »Selbstzensur aus Angst ist nicht erträglich.« Vor wenigen Wochen hatte sie noch anders geklungen und Journalisten nahe gelegt, jedes Wort sorgfältig zu wägen, da es in anderen Kulturkreisen missverstanden werden könnte. BILD

Die Geschlossenheit, mit der hier ein Grundprinzip der freien Gesellschaft verteidigt wird, ist beeindruckend. Traurig genug, dass sie notwendig ist. Es hat zwar keinerlei islamistische Drohung gegen die Oper und das Stück gegeben. Aber nicht erst seit dem Karikaturenstreit und den bösen Folgen der Papst-Rede, sondern spätestens seit der Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie und dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh ist ein solcher Anschlag denkbar. Sich schon beim bloßen Verdacht eines Angriffs auf die Kunstfreiheit für diese in die Bresche zu werfen kann deshalb nie schaden. Und doch bleibt ein Misstrauen, dass die Freiheit der Kunst auch deshalb so bereitwillig beschworen wird, weil deren Verteidigung ein guter Schlachtruf in der Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus ist. Es ist jedenfalls noch nicht lange her, da tat man sich mit der Widerspenstigkeit der Kunst viel schwerer.

»Wir dürfen uns nicht zurückziehen und das öffentliche Feld den selbst ernannten Verteidigern der künstlerischen Freiheit überlassen… Das In-den-Schmutz-Ziehen, Verunglimpfen anderer – vor allem einer Religion – gehört nicht zum Mittel der Kunst.« Was klingt wie ein Aufruf empörter Muslime, die nun doch noch gegen den Idomeneo mobil machen wollen, ist ein Zitat aus einem offenen Brief von 40 CDU/CSU-Abgeordneten des Bundestages und des Europäischen Parlaments, unter ihnen Horst Seehofer und der frühere Postminister Wolfgang Bötsch. Das Schreiben stammt aus dem Jahr 2000. Mit ihm wollten die demokratischen Abgeordneten weitere Aufführungen von Corpus Christi in Heilbronn verhindern. Terrence McNallys Theaterstück ist eine moderne Version der Jesusgeschichte, mit einem Haken: McNallys Jesus, der im Stück Josua heißt, ist schwul.

Und jetzt sage keiner vorschnell, dass der Protest gegen dieses Stück doch etwas ganz anderes sei als die Bedrohung von Leib und Leben, der sich Künstler in Zeiten des islamistischen Terrors ausgesetzt sehen. Schon die Uraufführung von Corpus Christi 1998 am Broadway konnte nur unter massivem Polizeischutz stattfinden, weil radikale Christen mit der Stürmung des Theaters drohten. Bei der deutschen Erstaufführung in Heilbronn im September 1999 gab es Morddrohungen gegen den Theaterdirektor und den Oberbürgermeister, sogar Raketenangriffe auf das Theater wurden angekündigt. Von einem »faschistoiden Fundamentalismus« sprach der Intendant Klaus Wagner. Wer wagt zu sagen, dass diese Drohungen weniger ernst gemeint waren als die von Islamisten?

Auch in Heilbronn trieb die Kunst wie im Fall des Idomeneo ihr Spiel mit religiösen Überzeugungen. Das darf sie, muss sie dürfen, denn ihre Freiheit steht unter keinem Gesetzesvorbehalt. Sie endet erst dort, wo sie mit anderen Grundrechten in Konflikt gerät. Diesen großen Wert fanden die 40 Unionsabgeordneten damals kaum verteidigenswert – weil es um ihre Religion ging. Das Stück tourte später durch weitere Städte, die Attacken blieben überall die gleichen; vor jeder Aufführung schnürten Sprengstoffsuchhunde durchs Parkett und schützten so ein Grundrecht aller Bürger.

Hier soll nicht ein Anschlag auf die Kunstfreiheit mit anderen verrechnet oder gar entschuldigt werden. Aber wer jetzt dieses Grundrecht gegen jede Einschränkung verteidigt, sollte sich mit gleicher Entschiedenheit über die Konsequenzen klar werden. Das sind zunächst ganz praktische: Die Freiheit der Kunst kann uns buchstäblich teuer zu stehen kommen. In den vergangenen Tagen sind (auch an dieser Stelle) viele Opern, Filme und Theaterstücke genannt worden, die – lässt man sich auf die Logik des Kulturkampfes ein – ein ganz ähnliches »Gefährdungspotenzial« haben wie Neuenfels’ Idomeneo . Wer glaubt, im Moment seien solche Werke nur noch unter Polizeischutz aufzuführen, muss einen gewaltigen Sicherheitsapparat parat halten. Allein Mozarts Entführung aus dem Serail mit ihrem Spott über den muslimischen Haremswächter und Frauenverächter Osmin wurde in der Spielzeit 2004/05 in Deutschland 182-mal aufgeführt und von fast 130000 Menschen angeschaut. Sie alle zu schützen wird nicht billig und ist von den finanziell ausgezehrten Opern und Theatern selbst kaum zu leisten. Aber die Freiheit der Kunst muss uns, muss unserem Staat diesen Aufwand wert sein.

Doch mit der gleichen Entschiedenheit sollten wir uns auch vor Hysterie hüten. Noch einmal: Es gab keine Drohung gegen den Idomeneo , sie wurde nur für möglich gehalten. Dass nun einzelne Teilnehmer der Islam-Konferenz die Aufführung nicht, wie von Innenminister Schäuble vorgeschlagen, gemeinsam ansehen wollen, ist keine Respektlosigkeit gegenüber einem zentralen Wert der deutschen Gesellschaft, sondern ein gutes Recht: Die Kunst ist so frei, kein Zwang zu sein. Niemand muss sich anschauen, wie Mohammed, Jesus und Buddha geköpft werden. Man muss nur damit leben (können), dass es gezeigt wird und dass es sich jemand ansieht, mit Gewinn oder um sich erst recht darüber aufzuregen.