Österreich hat den Aufbruch gewählt, vielleicht sogar ohne es richtig gemerkt zu haben – das wird auch den konservativen Köpfen im Land langsam dämmern. Noch lecken sie ihre Wunden. Zu unerwartet ist ihnen ein Idol abhanden gekommen. Zu sehr sind sie auch über den Sieg eines Politikers verblüfft, den sie sechs Jahre lang versuchten lächerlich zu machen. Und zu sehr vertrauten sie bis zuletzt der Hoffnung, die insgeheim verachteten Sozis würden mit Mann und Maus im roten Sumpf versinken.

Das schmerzt dreifach. Wendekanzler Wolfgang Schüssel erlitt ein Debakel, seine opportunistische Koalition mit den Volksverhetzern wurde regelrecht zertrümmert, und der Versuch, Österreich klammheimlich dem Machtkartell der Volkspartei einzuverleiben, ist gescheitert. Ein cooler Bluffer, der gern Cello spielt, tritt ab. Ein schwitzender Schwerarbeiter, der gern guten Rotwein trinkt, übernimmt sein schweres Erbe.

Österreich hat den Aufbruch gewählt, indem es Schönfärberei, Selbstbedienungsmentalität und Ignoranz keine klare, aber immerhin eine Absage erteilte. Die Große Koalition, die sich nun ankündigt, birgt weniger die Drohung einer Lähmung, die jetzt allenthalben an die Wand gemalt wird, als vielmehr die Chance einer moralischen und intellektuellen Erneuerung des Landes. Und die hat Österreich bitter nötig. Zu sehr hat man sich in den sechs Schüssel-Jahren damit abgefunden, dass sich Blender und Tatsachenverdreher überall im Staat ausgebreitet haben, dass Gesetze nur noch Ansichtssache sind, wenn es denn den Machtgelüsten dient, dass der Pakt mit den niederen Instinkten zu einer Herrschaftsdoktrin geworden ist. Es ist eine verluderte Republik, und der künftige Kanzler Alfred Gusenbauer wird den jahrelang vernachlässigten Standards eines demokratischen Gemeinwesens erst wieder neues Ansehen verschaffen müssen.

Neue Ideen. Österreich hat auch den Aufbruch gewählt, weil nun eine neue Generation von Regierungspolitikern in die Ministerien einziehen wird. Eine abgehalfterte Ministerriege wird mit Schüssel für ein frisches Regierungsteam Platz machen, das nicht mehr seine Hauptaufgabe darin sieht, eine in vielen Bereichen exemplarisch gescheiterte Politik mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.

Österreich hat zwar den Aufbruch gewählt, doch häufig sind es die großen Hoffnungen, die besonders schnell sterben. Zunächst steht der Wahlsieger Alfred Gusenbauer vor dem Dilemma, dass die Erwartungen, die in ihn gesetzt werden, zwar enorm groß sind, sein Handlungsspielraum jedoch denkbar klein ist. Gelingt es beispielsweise tatsächlich, wie versprochen, aus dem Eurofighter-Vertrag ohne sündteure Pönale auszusteigen? Wie lange dauert es, bis erste Bildungsreformen greifen? Wie viel an sozialer Umverteilung lässt das Budget, lässt auch der Koalitionspartner überhaupt zu?

Konsens gegen Konflikt. Österreich hat den Aufbruch gewählt, aber es ist nicht die gesamte Bevölkerung, die diesen Aufbruch auch für erstrebenswert hält. Die Republik ist nach sechs Jahren Schüssel gespalten, und die Gräben sind tiefer, als es dem konsensverliebten Land bewusst sein dürfte. In Wien trennten etwa ein Wahlkampffinale der Grünen von jenem der FPÖ lediglich zehn Minuten mit der U-Bahn. Doch zugleich lagen und liegen Welten zwischen diesen beiden verfeindeten Milieus. Gusenbauer wird sich deshalb vor allem und zuallererst als ein Vermittler zu bewähren haben, der den Populisten den Wind aus den Segeln nimmt. Er wird dazu den mühseligen Konsens finden müssen zwischen dem weltoffenen Österreich und dem verängstigten Österreich. Zwischen einem bildungshungrigen und einem gleichgültigen Land. Zwischen den Neureichen, die nie genug bekommen können, und den von Armut Bedrohten, die kaum das Nötigste zur Verfügung haben. Gusenbauers Aufbruch wird darin bestehen, dass er einen Ausgleich findet in einem polarisierten Staat. Er wird ein salomonischer Sozi sein müssen.