In den Tagen vor der Wahl übte ich mich, gut österreichisch, in vorauseilender Depression. Ich fühlte mich, als wäre ich dreihundert Jahre alt: Zuerst hundert Jahre Kreisky, das war noch eine halbwegs sonnige, teils wohlverklärte Kindheit, dann hundert Jahre Vranitzky und seine große, graue Koalition und seit über hundert Jahren Schüssel, die wächsern grinsende Sphinx, samt kleinem braunem Kampfhund. Und so würde es wohl weitergehen. Die trägen Österreicher bestätigen doch seit jeher noch den schauerlichsten Kanzler im Amt (man denke an den Föhnscheitel Klima), und dann würde die Sphinx, die sich das Kampfhunddressieren zugute hält, problemlos wieder einen ministergehaltgeilen Rechtsradikalen finden, der ihr ein paar Monate lang die Krawatte streichelt und der danach, wenn er wieder bellen und beißen möchte, entsetzt bemerkt, dass er an der Kette hängt.

Aber dann: Tusch! Schüssel kriegt einen vor den Latz. Das sah für gelernte Österreicher im ersten Moment aus wie eine Revolution. Aufspringen, brüllen, die Siegesfaust schütteln, wie beim Fußballmatch. So ein Wahlabend dient ja immer auch der Triebabfuhr. Da wabern nicht nur in den Parteizentralen, sondern in jedem Wohnzimmer die Gefühle, Jubel und Tränen, champagnerfarbener Siegestaumel und giftgrüne Häme. Ich wette, dass jeder, der nicht Schüssel und nicht rechts gewählt hat, wenigstens minutenlang im Giftgrünen geschwelgt hat: Der uncharismatischste Machtmensch aller Zeiten hat endlich die Quittung bekommen, für die unappetitliche Koalition von 2000, für sein hoffentlich gebissschädigendes Schweigen, nicht zuletzt für die kaum verhohlene Siegessicherheit der letzten Wochen. Und natürlich freuen sich die wahlberechtigten Meinungsträger, wenn sie den Meinungsforschern eins ausgewischt haben. Die sind ja der Widerpart der Meteorologen, man ärgert sich, wenn sie Recht haben, bei Letzteren jedoch über das Gegenteil.

So war es auch bei der deutschen Bundestagswahl vor genau einem Jahr: Monatelang trommelten alle Zeitungen von der bevorstehenden Koalition der Bürgerlichen mit der FDP, als wäre der Urnengang nur noch eine Formalität. Doch dann hat das störrische Volk in entscheidenden Details anders gestimmt. Allein das ist schon eine gute Nachricht. Abkehr vom Lemmingverhalten: Wir wählen nicht den, von dem man uns vorher gesagt hat, dass wir ihn wählen werden.

Seither hat Deutschland eine Große Koalition, ein sperriges Monstrum von einer Regierung, zänkische Schnecken auf der Suche nach dem gemeinsamen Nenner – genau das, was Österreich jetzt bevorsteht.

Doch damit sind die Gemeinsamkeiten schon wieder zu Ende. Vorbei ist auch meine reichlich unqualifizierte Schadenfreude dem kleinen Staatsmann Schüssel gegenüber. Wie immer folgt dem Rausch der Kater.

Plötzlich sieht nämlich alles aus wie vor zwanzig Jahren. Mensch, ärgere dich nicht, und geh zurück zum Start. Seit dem Waldheim-Schock von 1986 steht das Land unter dem Regiment der Stammtischhocker, und Schüssels Experiment, deren Wortführer an der Regierungsleine zu erwürgen, ist gescheitert. Wo ein Haider schrumpft, wächst ein Strache nach, und die beiden verschiedenfarbigen Häuferln zusammen sind wieder stärker geworden.

Was die SPÖVP in den bleischweren Jahren der Großen Koalition so unfrei machte und jedes Schrittchen ihrer Politik bestimmte, war die panische Angst und die greinende Hilflosigkeit vor diesem Stammtisch, vor jenem unsäglich dummen, skrupellosen und unverhältnismäßig lauten Bodensatz, der im Kulturland Österreich, ganz anders als in Deutschland, problemlos gesellschaftsfähig ist. Und dem die Kronen Zeitung täglich das Megafon hält.