Stubenhocker-Syndrom

Die britischen Meinungsforscher erlebten bei den Unterhauswahlen im Jahr 1992 ein wahres Desaster. Obwohl Labour-Spitzenkandidat Neil Kinnock in den Umfragen zur Unterhauswahl konstant vor Tory-Chef John Major lag, ging die Wahl selbst völlig anders aus. Im Mittelwert aller Umfragen (»poll of the polls«) hatte man Labour um acht Prozent überschätzt. Die Ursache lag in der unterschiedlichen Erreichbarkeit der Wähler – Labour-Anhänger waren »Stubenhocker«, die Anhänger der Tories eher jung, mobil, abends oft außer Haus und schwer erreichbar. Die methodisch ehrgeizigeren Institute in Großbritannien haben versucht, daraus zu lernen.

Auch in Deutschland hat es bereits demoskopische Fehlschläge vor Wahlen gegeben. Den Gleichstand zwischen CDU und SPD am Wahltag 2005 hat niemand vorhergesehen. Mit einem tagesrepräsentativen Stichprobendesign, dem Rolling Cross-Section Survey, haben Wissenschafter später gezeigt, wie stark die Wählerbewegungen der letzten Wochen zugunsten der SPD und der Liberalen und zu Ungunsten der CDU ausgefallen sind.

In Österreich ist die Situation der politischen Meinungsforschung eine andere als in Deutschland oder Großbritannien. Hierzulande fehlt das Naheverhältnis zwischen Umfrageforschung und Universitäten – was in der Ausgrenzung jüdischer Wissenschafter aus den Universitäten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg begründet liegt. Es gibt in Österreich das übliche Naheverhältnis zwischen Marktforschung und Medien, da die Umfrageforschung schon sehr früh zur Feststellung der Reichweite eingesetzt wurde. Die Reichweitenforschung führen die Medien im Eigeninteresse durch – dabei geht es schließlich um Inseratenpreise, Werbebudgets und Konzernstrategien. Und sie ist um Quantensprünge besser als jene Umfragen, welche die Medien ihren Lesern bisweilen als politische Meinungsforschung zumuten.

Während sich die Daten der österreichischen Media-Analyse aus 16600 Interviews ergeben, hat die Sonntagsfrage vor den Nationalratswahlen oft nur 400 oder 500 Befragte. Dass von diesen 400 vielleicht nur 260 die Wahlfrage überhaupt beantwortet haben, wird schamhaft verschwiegen. Oft fehlt gar jegliche Information über wesentliche Qualitätsmerkmale der Umfragen wie die Anzahl der Befragten, die Art der Stichprobe, die Art der Erhebung oder die genaue Fragestellung im Wortlaut.

Trotz der kleinen Stichproben werden Veränderungen von nur einem Prozentpunkt gegenüber der vergangenen Woche als relevant dargestellt – signifikant wären erst Änderungen von vier bis fünf Prozentpunkten. Und eine nicht signifikante Veränderung, bei der die ÖVP zwei Prozentpunkte verliert, führt gar zu einem reißerischen Titelblatt, auf dem der Kopf des Bundeskanzlers per Fotomontage in Einzelteile zersplittert.

Verwunderlich ist auch, dass fast alle Kommentatoren davon ausgegangen sind, die SPÖ werde bei der Nationalratswahl am 1. Oktober auf alle Fälle verlieren, die ÖVP uneinholbar vorn liegen. Es gab wenig Gehör für Hinweise, dass drei Prozent Vorsprung bei einer kleinen Stichprobe nicht heißen müssen, die Wahl würde auch genauso ausgehen. Zu stark war die Überzeugung, dass die Bawag-Affäre für die SPÖ einen vernichtenden Schicksalsschlag bedeute. Nach der Wahl hat sich eine Stimmungsdynamik in Richtung kollektives »Meinungsforscher-Bashing« aufgebaut – eine wissenschaftliche Betrachtung der Datenlage hatte wenig Chancen.

Die Ansprüche an die Genauigkeit von Umfragen und speziell der Sonntagsfrage sind viel zu hoch. Die Wahlstrategen in den Parteizentralen wünschen Prognosen auf ein halbes Prozent genau, denn das entscheidet über Reinkommen oder Draußenbleiben, über Sieg oder Niederlage, über mögliche oder unmögliche Koalitionsvarianten. Die Öffentlichkeit teilt dieses Interesse an Genauigkeit, möglicherweise verwöhnt durch die Perfektion der SORA/ORF-Hochrechnung am Wahlabend oder die etwas überzogen dargestellte Prognosekraft der Sonntagsfragen.

Stubenhocker-Syndrom

Diese Überzeugungskraft der Umfragen, der Aufbau der dazugehörigen Stimmungslage, all das funktioniert jedes Mal wieder, obwohl die österreichischen Marktforscher schon mehrfach deutliche Fehlprognosen abgegeben haben. Negative Höhepunkte: die Volksabstimmung zum EU-Beitritt 1994, wo eine tatsächliche Zweidrittelmehrheit als »ganz knapp« und als »eher über fünfzig Prozent« dargestellt wurde, oder die Gemeinderatswahlen 2001 in Wien, bei der niemand die absolute Mehrheit der SPÖ prognostiziert hat und der durchschnittliche Schätzfehler bei sechs Prozent lag.

Bei der Nationalratswahl 2006 ist es allerdings ungerechtfertigt, die Meinungsforschung zu schelten. Die Umfragen haben zwar alle die Niederlage der ÖVP unterschätzt, aber in vier von fünf publizierten Umfragen eine Woche vor der Wahl liegt das Schätzergebnis innerhalb der statistischen Schwankungsbreiten. Desaster sehen anders aus.

Günther Ogris und Christoph Hofinger leiten gemeinsam das Sozial- und Politikforschungsinstitut SORA in Wien.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben »

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