Als ich jung und mittellos war, lehnte ich mich manchmal, wenn er wieder in irgendeiner Einfahrt lauerte und keiner mich beobachtete, an ihn und stellte mir vor, wie es wäre, ihn zu besitzen. Als ich erstes Geld verdiente, behalf ich mich mit seinem kleinen, zahmen welschen Vetter, dem Peugeot 504. Ich glaube, ich hatte mehrere gleichzeitig. Ein kleines Rudel. Einer war mattblau wie der Mittagshimmel an sehr heißen Tagen. Alle waren gebraucht, den blauen hatte ich über einen Freund, der Pfarrerssohn war, von einem schwäbischen Bauern gekauft. Ich dachte, ich sei ein gewiefter Hund – ein pietistischer Bauer würde den Sohn seines Pfarrers nicht betrügen. Aber ich war ein dummer Junge, und der Pfarrer hatte keine Ahnung von Autos. Als der Blassblaue kam, roch er nach Kuhstall, und in den Radkappen hing Stroh. Egal. Ich mochte ihn gern. Ich sah, dass er den Berliner Winter nicht überleben würde, und verkaufte ihn schweren Herzens nach Afrika, da fährt er vermutlich immer noch herum. Später ging ich zu Fuß.

Mit solchen Erinnerungen erreichte ich Neuss und nahm ein Taxi zum Stadtrand. Da stand er, in einer Einfahrt. Der Herr von der Autofirma wollte mir ein paar von den Dingen erklären, die der Jaguar konnte, aber ich hörte kaum zu, ich hatte nur Augen für ihn. Meinen ersten.

Er war nicht oxfordgrün, wie ich mir vorgestellt hatte, oder "Racing Green", wie man in seinem Hause sagt, er war knallrot. Gut, es war kein kreischendes Ferrarirot, er wahrte eine zurückhaltende Vornehmheit, aber dennoch: rot! Ich musste aber zugeben, dass die Farbe der Ledersitze nicht schlecht dazu passte: Elfenbein. Trotzdem, trotzdem. Elfenbein und "Salsa", so heißt das Rot im Katalog, das kam mir doch etwas damenhaft vor, es fehlte ihm, so schien mir, der nötige männliche Ernst.

Vielleicht waren diese Gedanken auch nur endogene Tricks, um mich von einer gewissen Nervosität abzulenken, die mich vor dem schönen, roten Raubtier befiel. Würde ich es reiten können? Ich warf meinen Rucksack hinein, und wir fuhren los.

Während der ersten Stunde war ich zu sehr darauf konzentriert, wie alles Mögliche funktionierte, um viel zu empfinden. Das ging so bis zum Kamener Kreuz. Dann erreichte ich das Sauerland, wo die Autobahn leer wird und ein Mann mit seinem Jaguar allein sein kann. Ich hielt und drückte den Knopf, der das Verdeck öffnete, in einem Zuge, wie ich erfreut bemerkte, mit kleinen, signifikanten Pausen bei jedem Schritt der Selbsteinfaltung. Mit einem abenteuerlustigen Fauchen nahm er Anlauf, dann war da nur noch sonores Gebrumm und der Fahrtwind im Haar und kein bisschen im Gesicht, das mochte an den enormen Funktionen liegen, mit denen ich meinen Sitz hatte einstellen können, was die Bewunderung für die staunenswerte Windlenkung nicht minderte.

Grüne Hänge. Wälder. Stauseen, Schieferstädtchen, Schützenfeste. Der Jaguar griff munter aus, so sicher und doch inspiriert lag er auf dem Asphalt wie eine geflügelte Dampfwalze. Auf der Höhe des Fürstentums Waldeck machte ich drei Erfahrungen. Das Verdeck wieder geschlossen, schossen wir an dem Ländchen dahin. Erste Erfahrung: der sechste Atem. Er setzt kurz nach 190 km/h ein, einem Tempo, das andere Fahrkörper erzittern und ihre Fahrer die Hände das Lenkrad umkrampfen lässt. Hier zitterte gar nichts. Mein Jaguar schien jetzt erst richtig aufzuleben. Ein sanfter, kraftvoller Schub hob uns, husch, noch einmal voran, über die "200" auf dem Tacho hinaus.

Zweite Erfahrung: Wo wir auftauchten, wich man respektvoll aus. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, das nicht zu tun. Wie rasch man sich doch den ständigen Blick in den Rückspiegel abgewöhnt: Da ist ja auch nicht mehr viel zu sehen. Das lästige Blinken beim häufigen Spurwechsel, all die kleinen Demütigungen des gemeinen Autofahrens – up and away. Nur BMW-Fahrer, ich gebe es zu, obwohl auch ich einmal einer war, versuchten verbissen, es mit uns aufzunehmen. Arme Toren.