Im Buchladen Waller in Stade geht es noch zu wie bei Tante Emma. Man duzt sich, spricht übers Wetter und natürlich über Literatur. Schließlich steht Waller hier seit Jahrzehnten für Bücher wie Uhu für Kleber. Doch das Geschäft läuft seit Mai schlechter. Der Umsatz ist um acht bis zehn Prozent eingebrochen, seit nur vier Gehminuten entfernt eine neue Filiale der Buchkette Thalia eröffnet hat – mit bunten Neonleuchten, weichen Sesseln und Rolltreppe zur Sachbuchabteilung. Mehrstöckige Buchläden wurden zuerst in den großen Städten erprobt BILD

Wie Waller sehen sich viele kleine Buchläden bedroht. Der deutsche Buchhandel erlebt eine Konzentrationswelle, fast wöchentlich weihen Thalia, Hugendubel oder eine andere Kette neue Filialen ein und verdrängen alteingesessene Läden – wie Media Markt einst die Elektrofachgeschäfte und Aldi den Kaufmann an der Ecke. Mit einem Unterschied. Eigentlich gibt es hierzulande einen Schutz für kleine Buchhändler: die Buchpreisbindung. Nur verfehlt sie inzwischen offenbar ihre Wirkung.

Schon vor 120 Jahren hat man in Deutschland erkannt, dass ein Buch keine Ware ist wie Marmelade, sondern ein schützenswertes Kulturgut. Seitdem hat die Branche das Privileg der fixen Ladenpreise, seit vier Jahren in Form eines neuen Gesetzes. Demnach dürfen Bücher nach Erscheinen 18 Monate lang nur zu einem vom Verlag bestimmten Preis verkauft werden, um so »die Existenz einer großen Zahl von Verkaufsstellen zu fördern«. Einheitspreise, so die Idee, verhindern ruinöse Preiskämpfe und sichern das Überleben vieler Händler. Viele Händler wiederum haben verschiedene Geschmäcker, kaufen bei vielen Verlagen ein – und sorgen damit für Vielfalt.

So die Theorie. Die Praxis sieht inzwischen anders aus, nicht nur in Stade: Laut Marktforschungsinstitut GfK ist der Marktanteil der unabhängigen Buchläden in den vergangenen sechs Jahren von 40 auf 30 Prozent geschrumpft. Die Konzentration beschleunigt sich sogar: Im August schlossen der katholische Versandhändler Weltbild und der Traditionshändler Hugendubel ihre Buchläden in der DBH Holding zusammen. Zugleich übernahmen sie die Mehrheit an den Ketten Habel und Weiland, sodass die neue Nummer eins insgesamt 672 Millionen Euro umsetzt, Marktanteil: sieben Prozent. Vergangene Woche spekulierte die Branche dann über eine mögliche Allianz von Thalia mit dem Bertelsmann Buchclub – Thalia dementierte sofort. Und hinter vorgehaltener Hand fragt man sich, wer das Rennen um die Kette Buch & Kunst macht, die einem britischen Finanzinvestor gehört und als Kaufkandidat gehandelt wird.

»Ohne fixe Preise würde die Konzentration sicherlich rasanter erfolgen«, sagt Gottfried Honnefelder, Chef des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in dem Verleger und Händler organisiert sind. Schon jetzt schreiben unabhängige Buchhändler laut einer Verbandsumfrage Verluste von durchschnittlich 0,8 Prozent ihres Umsatzes – ein Preiskampf wäre für viele das sichere Ende. Doch paradoxerweise hilft die Buchpreisbindung nicht nur den Kleinen, sondern forciert zugleich auch die Expansion der Ketten.

Denn das Preisbindungsgesetz bindet lediglich die Preise, die der Leser zahlt – nicht aber jene, die ein Buchhändler den Verlagen zahlt. »Die fortschreitende Konzentration hat die Macht nun zu den großen Buchhändlern verschoben«, sagt Rainer Meckes von der Unternehmensberatung Simon Kucher & Partners. »Und diese Macht nutzen die Filialisten aus, um beim Einkauf bessere Konditionen zu diktieren.« Während sich kleine Buchhändler bei Direktbestellungen mit Nachlässen von 40 bis 47 Prozent vom Endpreis zufrieden geben müssten, setzten die Ketten immer häufiger Rabatte von 50 Prozent durch. »In der Spreizung liegt das Drama. Mit diesem Vorteil unterhalten die Großen ihre Geschäfte in Eins-a-Lage und können offensiver werben«, sagt Meckes. Stimmt das, entwickelt sich die Branche mit Preisbindung in die gleiche Richtung wie ohne – nur langsamer. Die Frage ist also nicht mehr, ob die Preisbindung sinnvoll ist, sondern ob die kleinen Buchhändler ein langsamer oder ein schneller Tod erwartet.

Mehrere Verleger bestätigen, unter welchem Druck sie stehen. Öffentlich wollen sie das aber nicht tun, weil es in der Woche der Frankfurter Buchmesse »zu gefährlich« sei. »Sehen Sie, wir machen 70 Prozent der Umsätze mit 15 Einkäufern, die haben uns völlig in der Hand«, sagt ein Münchner Verleger. »Bei Verhandlungen gibt es keine Sentimentalität mehr. Längst verlangen die nicht mehr nur Rabatte, sondern auch immer höhere Werbekostenzuschüsse oder Regalmieten, damit sie unsere Bücher überhaupt ins Sortiment aufnehmen.« Unter dem Strich müsse er oft 55 Prozent von einem Buch nachlassen – die lange respektierte »Schamgrenze« der Branche von 50 Prozent sei längst gefallen.

»Eine große Lebenslüge« nennt ein anderer Verleger die Preisbindung: »Wir finanzieren den Großen mit unseren Rabatten und Zuschüssen ihr Wachstum und schaufeln uns damit das eigene Grab.« Und Nikolaus Hansen vom Marebuchverlag in Hamburg ergänzt: »Der Gelackmeierte ist am Ende der Kunde, der den vollen Preis zahlt – und trotzdem mit ansehen muss, wie die kleinen Buchhändler und Verlage, die nicht mithalten können, den Bach runtergehen.«

Vor einem Jahr bekam die Öffentlichkeit ausnahmsweise einen Eindruck, wie das Geschäft der Großen funktioniert: In einem Brief forderten Thalia-Einkäufer von den Verlagen höhere Werbekostenzuschüsse und Prämien. Weiter hieß es: »Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zuerst die Eckpfeiler unserer Zusammenarbeit beschließen, bevor wir mit Ihnen das Programm sichten.« Nach lautstarken Protesten entschuldigte sich Thalia. »Das ist mittlerweile gegessen, das Ganze etwas unglücklich formuliert gewesen«, sagt Thalia-Geschäftsführer Jürg Bodenmann. Im Übrigen stehe Thalia uneingeschränkt hinter der »Preisbindung zum Erhalt der Vielfalt«. Dem setzt ein Verleger entgegen: »Die haben gelernt, Forderungen nicht mehr schriftlich zu verschicken, das heben sie sich für Vieraugengespräche auf.«

Um das zu verhindern, müssten die kleinen Verlage den großen ihren Vertrieb überlassen, schlägt Mare-Buch-Chef Hansen vor. Eine Alternative sei es, wenn sich kleine Verlage beim Vertrieb zusammentäten. Doch dazu gebe es »zu viele Eitelkeiten«.

So lange will man bei Waller in Stade nicht warten. »Wir werden versuchen, mit Lesungen lokaler Autoren und anderen Veranstaltungen mehr Aufmerksamkeit zu erregen«, sagt Geschäftsführerin Karin Lange-Rebehn. »Hoffentlich überschüttet Thalia Stade zu Weihnachten nicht mit Prospekten.«

Augenblick mal - Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse 2006 mit Gastland Indien »