Schnell, schnell, gleich 18 Uhr", Herr Vu scheucht die Deutschen aus dem Bus. In den achtziger Jahren war Herr Vu als Maschinenbauingenieur in der DDR beschäftigt. Er kennt die deutsche Mentalität, sagt er, wie seine Hosentasche. Deshalb ist Herr Vu, der inzwischen als Reiseleiter in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon, arbeitet, auf deutsche Touristen spezialisiert. Fragt man ihn, was die deutsche Mentalität ausmache, dann meint er "Pünktlichkeit und hart arbeiten".

Es ist Punkt 18 Uhr, das Oktoberfest beginnt, doch die Wiesn am Rande der Innenstadt ist matschig. Vormittags hatte es in Ho-Chi-Minh-Stadt mehrmals heftig geregnet. " So, dann ziehen die Damen eben ihre Schuhe aus", Herr Vu ist Pragmatiker. Neben den mit schwarz-rot-gelben Luftballons dekorierten Palmen säumen weiß-blaue Girlanden den riesigen Festplatz, auf dem sich bereits an die tausend Besucher tummeln. Neuankömmlinge müssen durch Cheerleader- und Blaskapellenspaliere und werden von Menschen in Pokémon- und Dalmatinerkostümen zu den Bierbänken unter freiem Himmel geleitet.

Hier servieren junge Frauen mit blonden Perücken und schwarz-rot-goldenen Satindirndln ungefragt Sauerkraut, Blaukraut und kalte Bockwurst, stellen Bierhumpen hin und räumen alles bei jedem Rundgang mechanisch wieder ab, egal, wie viel oder wenig daraus getrunken wurde, ob der Besitzer gerade zur Toilette gegangen ist oder sich bloß zu seinem Sitznachbarn umgedreht hat.

Auf der Spielwiese, direkt vor der Bühne, steht Herr Hung. Wenn er geht, hört man den Matsch unter seinen Sohlen schmatzen. Beim Ratespiel auf dem Oktoberfest hat er einen Fußball gewonnen. Die Frage Multiple Choice war nicht allzu schwer gewesen: Wie viel kostet ein Flug mit Vietnam Airlines (dem Quizsponsor) von Ho-Chi-Minh-Stadt nach Berlin? Die teuerste Antwort war richtig. Das sei doch immer so, sagt Herr Hung. Er kennt sich aus mit Oktoberfesten, die sich im Süden Vietnams neuerdings größter Beliebtheit erfreuen. Herr Hung liebt die deutsche Kultur, das Bier, die Musik und die Wurst - in Deutschland war er freilich noch nie.

Plötzlich reißt er vor Vergnügen die Hände hoch. Erst der Fußball und jetzt das: Herr Hung darf sich mit dem Quizmaster, einem berühmten Alleinunterhalter namens Thanh Bach, fotografieren lassen. Thanh Bach, so erzählt man es hier, ist nach vier Jahren Showkarriere in Bulgarien wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Auf Festen wie diesem gilt er als Stimmungskanone. Sein schiefes Singen und sein Hoppelgang, seine affektierte Gestik und seine quiekende Moderation werden mit kreischendem Gelächter belohnt. Eben noch hatte er die Teilnehmer beim Bambuswettsägen mit johlenden Gesängen angefeuert, jetzt posiert er für die Fotografen mit und ohne Herrn Hung.

Das Publikum trägt goldene Papphüte in Bierseidelform, auf denen weißes Styropor Schaumkronen imitiert. Thanh Bach allerdings hat sich für seine Garderobe etwas Besonderes ausgedacht. Sein Outfit scheint gleichermaßen von einem Cowboykostüm und der üppigen Lichtdekoration des Rex, eines fulminanten Kolonialhotels in der Innenstadt, inspiriert zu sein. Seine Jeans hat er wie Reiterhosen in seine spitzen Westernstiefel gesteckt, und auf dem Kopf trägt Thanh Bach einen Cowboyhut, der mit einer blinkenden Lichterkette umwickelt ist.

An seinem Hals baumelt eine Muschelkette, wie man sie nicht in Vietnam, wohl aber an der Costa Brava kaufen kann. Vielleicht auch in Bulgarien.