Irgendwann stand ich mit der Stationsärztin auf dem Klinikgang. Der graue Linoleumboden war frisch gewischt worden. Jeder Schritt hinterließ einen nassen Abdruck. Wir müssen uns darüber unterhalten, sagte sie, wie es mit Ihrer Mutter weitergeht. Ob das schon organisiert sei, auf welche Weise sie nun weiter gepflegt werde? Die Klinik werde sie in den nächsten Tagen entlassen müssen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich nichts gesagt habe. Außer: Ja, wir kümmern uns.

Ich weiß auch noch, dass ich versucht habe, mein Denken auszuschalten. Besonders die Gefühle. Nein, ich denke jetzt nicht daran, wie das werden wird. Ich will jetzt nichts fühlen. Unsere Mutter, ein Pflegefall. Ich ging noch mal zu ihr ins Krankenzimmer. Hast du schon gehört, du kommst bald nach Hause. Ich sagte: Mach dir keine Sorgen, wir organisieren das. Sie nickte mit dem Kopf und sagte nichts. Und erzählte kurz die Geschichte der alten Bäuerin, die auch in ihrem Zimmer lag, aber so schwerhörig war, dass man ruhig in ihrem Beisein über sie reden konnte. Sechs Kinder hatte sie und einen Mann. Drei Kinder seien nur von ihm gewesen, erzählte die Frau eines Tages eher beiläufig, die anderen von anderen Männern. Das weiß der Ehemann, heute längst Opa, bis heute nicht. Warum auch, sagte die Bäuerin zu meiner Mutter.

Draußen vor der Klinik rief ich meinen Bruder an. Wir teilten die Aufgaben auf. Du rufst beim Hausarzt an, ich bei der Krankenkasse. Du redest mit dem Pflegedienst, ich beantrage gleich hier in der Klinik die Pflegestufe eins. Das, hatte die Ärztin gesagt, ist das Wichtigste.

Aus drei Gründen war diese Situation schwer zu ertragen. Der erste Grund: das Mitleid. Meine Mutter hatte ihr ganzes Leben großen Wert auf ihre Unabhängigkeit gelegt. Meine Mutter ist eine sehr stolze Frau. Sie sagte immer, das Alleinleben, nach dem Tod ihres Mannes, meines Vaters, mache ihr nichts, manchmal genieße sie das sogar. Und jetzt? Rund um die Uhr betreut? Wie wird sie das verkraften? Der zweite Grund: das Selbstmitleid. Ich habe immer gern meine Mutter besucht, sie hat was gekocht, wir gingen spazieren, wir erzählten. Man hat das Gefühl, man verliert etwas, was mit Sorglosigkeit zu tun hat, für immer. Ich, der Arme. Ich möchte mir keine Gedanken über meine Mutter machen müssen, ich will, dass es wieder ist wie früher. Für dieses Selbstmitleid geniert man sich. Ich jammere, dabei ist es doch sie, die betroffen ist. Will ich mir wirklich ernsthaft die Frage stellen, wie ich es wohl verkraften werde, zuzusehen, wie meine Mutter gepflegt wird?

Der dritte Grund ist klein und schwarz und heißt Paul. Er ist ein Hund, irgendwas zwischen Schnauzer und Dackel. Meine Mutter liebt ihn sehr, er sie genauso. Auch zu dem Rest der Familie, auch zu einigen Freunden, ist er nett. Aber zu anderen, fremden Leuten ist er nicht nett. Er beißt sie. Das ist halt so. Da kann man nichts machen. Ich weiß es nicht mehr, ob ich es war oder mein Bruder, der dieses Thema zur Sprache brachte: Die vielen Pfleger und Betreuer, die nun in diesem Haus ein- und ausgehen müssen – Paul wird sie beißen. Das ist sicher. Kann das gut gehen?