DIE ZEIT: Frau Noll, Sie sind gerade 71 geworden. Seit 15 Jahren wohnt Ihre Mutter bei Ihnen und Ihrem Mann. Sie pflegen sie zu Hause, was anderen Familien oft schwer fällt. Wir würden gern von Ihnen wissen, wie das klappen kann.

Ingrid Noll: Dazu müssen Sie wissen, dass meine Mutter meine Großmutter ganz allein zu Hause gepflegt hat, bis sie mit 105 Jahren gestorben ist. Da war meine Mutter 80; es ging ihr lange gut, doch sie wurde älter und schwächer, und wir haben sie gefragt: "Wie stellst du dir die Zukunft vor?" Ihre Antwort: "Ich wäre gerne bei euch."

ZEIT: Ein Umzug ins Altersheim kam nicht infrage?

Noll: Man muss der Typ dazu sein. Es gibt Menschen, die blühen unter den vielen neuen Menschen neu auf, spielen Doppelkopf und vergnügen sich. Meine Mutter hingegen ist introvertiert. Sie akzeptiert Familie um sich, aber schon mit den Pflegerinnen ist es manchmal schwierig. Wenn eine Haushaltshilfe in ihrem Zimmer Staub wischt, mag sie das gar nicht. Sie möchte für sich sein, da ergibt ein Heim keinen Sinn.

ZEIT: Sie haben drei Geschwister. Wie wurde entschieden, wer die Mutter aufnimmt?