Als Kiran Nagarkars Buch Gottes kleiner Krieger vor wenigen Monaten in Indien erschien, hat ein Fernsehmoderator ihn mit den Worten angekündigt: "Hier kommt Nagarkar mit seinem neuen Buch Gottes kleiner Terrorist." Seitdem meinten alle, sein Buch handle von islamistischem Terror, sagt Nagarkar. Dass es ihm um das Wesen des Extremismus schlechthin gehe, hat er danach immer wieder klarzustellen versucht: Sein Protagonist Zia ist erst Muslim, dann Christ, aber vor allem ist er Perfektionist. Einer, der sich als Auserwählter fühlt und seine Mission bis zum Exzess verfolgt.

Ein Spätsommermorgen in Berlin Mitte. Nagarkar sitzt in einer Hotellounge. Er erzählt, wie er zu einem der berühmtesten Schriftsteller Indiens wurde, wie es dazu kam, dass er heute Bestsellerautor ist und deshalb auf der Frankfurter Buchmesse zu einem der gefragtesten Gesprächspartner gehört. Es liegt nicht nur daran, dass Indien das diesjährige Gastland ist. Eher daran, dass er eine Art Widerstandskämpfer unter Indiens Literaten ist, das "Gewissen des Landes", wie es ein indischer Journalist einmal ausdrückte. Mit seinen Erzählungen hat er immer wieder die Hindu-Fundamentalisten von der Shiv-Sena-Partei aufgebracht und die staatlichen Zensurbehörden ohnehin.

Nagarkar lebt in Mumbai, anders als viele seiner Kollegen ist er nicht ausgewandert, hat aber in innerer Emigration 15 Jahre lang nichts veröffentlicht, so groß war sein Ärger über die Zensoren, die munter in seinen Theaterstücken und Romanen Passagen strichen oder Bücher ganz unterdrückten. " Verschwendete Jahre", sagt er, Jahre, in denen er als Werbetexter gearbeitet hat.

Bis er einen Roman nicht in Marathi, sondern auf Englisch im Ausland veröffentlichte. Ein Verrat an der Muttersprache, meinten daraufhin viele seiner Landsleute. Und doch: Für Krishnas Schatten erhielt er 2000 die höchste Auszeichnung der indischen Literaturakademie.

Als er Gottes kleiner Krieger vor zehn Jahren zu schreiben begann, lag der 11. September noch in weiter Ferne. Doch die religiöse Gewalt hatte er bereits am eigenen Leib erfahren. Heute ist er inoffizieller Botschafter eines Landes, das ihm noch immer keine Ruhe lässt. Johanna Lühr