Nordfriesland/Flensburg

Seit einem halben Jahrs wohnt Klaus Lüdtke in einem Container, fünf Tage in der Woche, von montags bis freitags. Für ihn ist das ein Fortschritt. Der Container steht in Kopenhagen, 380 Kilometer von seiner Familie und seinem nordfriesischen Heimatdorf entfernt, direkt neben fünfstöckigen Rohbauten. Dort errichtet der 50-jährige Zimmerer Wände, er baut Türen ein und verkleidet Decken, er verwandelt Betonkästen in Appartementhäuser, von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Dänemarks Wirtschaft geht es blendend, das Land wächst und wächst. " Ganz Kopenhagen ist eine Baustelle", sagt Lüdtke. In Deutschland war er zehn Jahre ohne Arbeit. Jetzt ist er ein Gastarbeiter.

Ökonomisch gesehen trennt die deutsch-dänische Staatsgrenze zwei Welten. Von Süden gesehen beginnt hinter der Grenze ein gelobtes Land, in dem jeder eine gut bezahlte Arbeit findet. Seit fünf Jahren herrscht in Dänemark praktisch Vollbeschäftigung, während in Schleswig-Holstein fast jeder Zehnte ohne Arbeit ist. Das dänische Wirtschaftswachstum betrug im vergangenen Jahr 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, südlich der Grenze war es nur halb so groß.

Von Norden gesehen liegt jenseits der Grenze ein Billiglohnland, das dank seiner Dauerkrise zugleich ein nahezu unerschöpfliches Reservoir fleißiger und billiger Arbeitskräfte ist. " Wer sucht Arbeit? 50000 Jobs in Dänemark", titelte jüngst die regionale Tageszeitung und zitierte eine private Arbeitsvermittlung, deren Geschäfte offenbar wie geschmiert laufen. Selbst ungelernte Kräfte würden gesucht, hieß es.

2000 Schleswig-Holsteiner, so schätzt das Wirtschaftsministerium in Kiel, pendeln regelmäßig zur Arbeit ins benachbarte Königreich. Der Unternehmensverband Unterelbe-Westküste vermittelt zusammen mit der Industrie- und Handelskammer im Projekt "Gramark" Arbeitskräfte nach Dänemark, die benachbarten Kreise Snderjylland und Schleswig-Flensburg haben mit dem "Regionskontor" eine Beratungsstelle für Grenzpendler eingerichtet. Auch die staatlichen Arbeitsagenturen in der Grenzregion kooperieren, gefördert von der EU.

Schon werden in Flensburg die Arbeitskräfte knapp

So stark ist der Sog des dänischen Aufschwungs inzwischen, dass im Norden Schleswig-Holsteins die Arbeitskräfte knapp werden. Albert Albertsen, Kreishandwerkermeister in Schleswig-Flensburg, kann es noch gar nicht fassen. Ausgerechnet im kleinen Dänemark, "wo sie vor 20 Jahren nicht mal den Gerüstbau kannten", werde nun so viel gebaut! Im vergangenen Winter hatte die hiesige Arbeitsagentur arbeitslosen Maurern, Zimmerleuten und Klempnern eine Bewerbung im Nachbarland empfohlen. Jetzt füllen sich die Bücher von Schleswig-Holsteins Baufirmen wieder mit Aufträgen und es fehlen die Arbeiter, die sie ausführen könnten. " Wir suchen händeringend Fachkräfte", klagt Albertsen.