Die Entrüstungsmaschine läuft wie geölt: »Schüler brauchen keine Hundemarken«, tönt es aus der Lehrergewerkschaft GEW. Der Deutsche Lehrerverband warnt vor dem »Einstieg in die orwellsche Big-Brother-Schule«. Deutschlands oberster Datenschützer äußert verfassungsrechtliche Bedenken. Und der sächsische Kultusminister Steffen Flath schilt seine Kollegen, das Vorhaben erinnere »in fataler Weise an die DDR, wo es dem Staat gelang, Unmengen von Daten zu sammeln, um den Einzelnen auszuleuchten«.

Was ist geschehen? Vergangene Woche wurde ruchbar, dass die Kultusministerkonferenz (KMK) eine bundesweite Datenbank plant. Jeder Schüler soll darin mit seiner Bildungskarriere verzeichnet sein, vom Kindergarten bis zur Universität. Welche Schulform hat er besucht? Mit Erfolg? Wann ist er sitzen geblieben? Wann hat er die Schule gewechselt? Dazu persönliche Daten: Geburtsland, Muttersprache, womöglich der soziale Hintergrund. Die Daten sollen anonym unter einer Identifikationsnummer, kurz Schüler-ID, gespeichert werden.

Die Empörung über die Schüler-Datenbank geht fröhlich an der Sache vorbei. Ziel der Kultusminister ist nicht der gläserne Schüler, sondern die gläserne Schule. Wie viele Sitzenbleiber erreichen das Abitur? Wo wird die Zeit beim Übergang von der Schule in die Berufsbildung vertrödelt? Was geschieht mit Jugendlichen, die in »Maßnahmen« geparkt werden? Auf welchem Weg kommen Einwandererkinder zum Schulabschluss?

Um diese Fragen zu beantworten, reichen punktuelle Studien wie Pisa nicht aus. Dazu muss der Weg der Schüler durchs Bildungslabyrinth nachgezeichnet werden. Studien, die einen Teil der Schüler einbeziehen, mögen interessante Grobaussagen über das Bildungssystem treffen. Wer aber dem Scheitern benachteiligter Schüler auf die Spur kommen will, muss ins Detail gehen.

Der jahrzehntelange Blindflug der Bildungspolitik hat großen Schaden angerichtet. Gerade um die subtilen Mechanismen aufzudecken, mit denen Arbeiter- und Einwandererkinder am Schulerfolg gehindert werden, ist mehr Transparenz nötig. Dabei müssen die Daten der Schüler vor Missbrauch geschützt werden. Eine »einvernehmliche Lösung« mit den Datenschützern, wie sie die KMK jetzt anstrebt, ist der einzig gangbare Weg.

Noch klüger wäre allerdings gewesen, die Kultusminister hätten sich vorab mit Lehrerverbänden und Datenschützern ins Benehmen gesetzt. Dass der Umgang mit personenbezogenen Informationen hierzulande unter Missbrauchsverdacht steht, ist seit der Volkszählung bekannt. Deshalb sei daran erinnert, dass Bildungsforscher und Schulpolitiker einst monatelang beharrlich und ernsthaft mit den Lehrerverbänden diskutierten – nur so konnte damals die Pisa-Studie durchgeführt werden. Diese Praxis sollte wieder zur guten Übung werden. Thomas Kerstan