Dem wortmächtigen Mann aus Frankfurt hat es einmal die Sprache verschlagen, spektakulär, minutenlang: Das war am 24. Februar 1784 im Rathaus von Ilmenau, da sollte er, der zuständige Minister Goethe, eine alte Kupfer-, Blei- und Silbergrube wiedereröffnen. Der Mutter Natur, dem vornehmsten Gegenstand seines Denkens, sollte auf sein Betreiben hin mit Hilfe des Bergbaus nutzbringend zuleibe gerückt werden. Im Verstummen des Künstler-Ministers, der als junger Mann schon "Regieren!!" wollte, wie es sein Tagebuch festhält, kam die poetische Seele der pragmatischen vielsagend ins Gehege. Er hätte die eine auf Kosten der anderen dennoch nicht aufgegeben.

Unvermeidlicher Goethe: Wer in Deutschland nach dem Geist an der Macht sucht, landet bei ihm. Der Rest der Geschichte ist fast durchgängig von jener ambivalenten Politikferne, wenn nicht -verachtung des Künstlers gekennzeichnet, die Wolf Lepenies eben in seinem Buch Kultur und Politik untersucht hat. Schriftsteller in der Politik, ob Václav Havel oder Mario Vargas Llosa: Das war anderswo. Und oft schimmerte durch die Kommentare die gebildete Skepsis, ob solche Allianzen zwischen Geist und Macht denn wohl gut gehen können.

Nun kommt ein indischer Gast frisch aus den Sitzungen der UN-Gremien zur Buchmesse, der immer beides war, Dichter und Politiker: der intellektuelle Weltstar Shashi Tharoor, Stellvertreter von UN-Generalsekretär Kofi Annan und Kandidat für dessen Nachfolge. Ein Weltbürger, der sich schlicht nicht vorstellen kann, wie die Politik ohne die Literatur auskommen könnte und umgekehrt. Der schreibt, die Literatur sei "das beste Gegenmittel gegen die Globalisierung der Phantasie", und der also in seinen Büchern über Indien "die kulturelle Identität der postkolonialen Gesellschaft" aus dem "Klammergriff der Globalisierung" befreien will. Und der, befragt, ob Politik und Literatur sich nicht ausschlössen, antwortet: "Wenn ich das eine oder das andere aufgeben müsste, würde ein Teil meiner Seele sterben." Gleich zwei Bücher von ihm erscheinen in diesem Jahr auf Deutsch, der Roman Bollywood und Die Erfindung Indiens, Tharoors Hommage an den intellektuellen Politiker Nehru.

"Auch auf der Buchmesse", so wirbt nun flächendeckend dieselbe, als gelte es, dem Publikum mit Stars eine Messe schmackhaft zu machen, auf die man sich wegen Langeweileverdachts sonst nicht verirren würde, und nennt in einer Reihe mit anderen publikumsträchtigen Figuren wie Tiki Küstenmacher, Eva Herman, Rita Süssmuth plus Walser und Grass diesen merkwürdigen Tharoor. Auch auf der Buchmesse also: ein Exot! Wie hat dieser Exot eben gesagt (ZEIT Nr.40/06): "In meinem Traum vermischt sich die ganze vielfarbige multikulturelle Welt. So wie bei uns in Indien schon seit ein paar tausend Jahren… Vielleicht wäre das ja auch ein Traum: Eine Welt voller Inder!" Goethe, der alte Frankfurter Inder, hätte dem Kollegen ein Briefchen geschickt. Elisabeth von Thadden