Am Wiener Burgtheater, das mitten im Regierungsviertel der österreichischen Hauptstadt liegt, ging gerade die Nachmittagsvorstellung von Johann Nepomuk Nestroys fatalistischer Revolutionsposse Höllenangst zu Ende. In dieser Komödie räsonnieren die Leute aus der Vorstadt bitter über die Vergeblichkeit jeden Aufbegehrens: ein Stück, das gut nach Wien passt, in seinem Entstehungsjahr 1849 ebenso wie 2006, dem sechsten Jahr der Regierungskoalition des konservativen Kanzlers Wolfgang Schüssel mit den rechten Populisten um Jörg Haider. Man hat sich abgefunden, der hetzerische Ton der Stammtische ist selbst in barocken Ministerbüros salonfähig geworden. Auch die Parlamentswahlen dieses Sonntags, darüber herrschte allgemeiner Konsens, würden daran nichts ändern.

Noch das resignative Resümée der Nestroy-Couplets im Ohr, schlenderte an diesem lauen Abend ein adrettes und urbanes Publikum aus dem klassizistischen Gebäude. Ungläubig staunend hielten viele plötzlich inne. Gleich neben dem Theater war ein riesiges Zelt für 3000 Besucher aufgebaut worden. Menschenmassen quollen aus den Zugängen, Höllenlärm brandete auf den Platz. Drinnen fingerten rote Scheinwerferkegel durch den Raum, roter Konfettiregen rieselte auf jubelnde Jusos. Soeben, es war gerade viertel vor sieben, hatte der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Alfred Gusenbauer die erste Siegesrede dieses Überraschungstages beendet. "Ein Traum ist in Erfüllung gegangen", gestand er, "Überheblichkeit und Arroganz" seien besiegt worden. "Das Einzige, was man aufgibt, ist ein Brief", rief der rote Triumphator in das Hallenzelt, "aber nicht den Kampf um soziale Gerechtigkeit. Freundschaft!"

"Freundschaft!", dröhnten Tausende aufgekratzte Rufer zurück. Einen Tag zuvor war der traditionelle Sozialistengruß lediglich noch im zynischen Vokabular österreichischer Kabarettisten gebräuchlich gewesen. Schwitzend, außer sich vor Freude, auf die Bodenbretter trampelnd, skandierte nun das rote Fußvolk "Kanzler! Kanzler!".

Zum ersten Mal seit 40 Jahren war in Österreich ein Regierungschef abgewählt worden. Mehr als acht Prozent hatten die siegessicheren Konservativen bei dieser Erdrutschniederlage verloren, ihre Koalition mit den Resten der Haider-Partei war zertrümmert worden. Alle Meinungsforscher wurden durch die Wahl düpiert und wohl auch die Mehrheit der SPÖ-Anhänger, die sich insgeheim schon mit einer Schlappe abgefunden hatten.

Es war die vermutlich überraschendste Wiederauferstehung seit Lazarus. Noch vor zwei Monaten waren Gusenbauer und seine Partei hoffnungslos abgeschlagen. Mit hängenden Köpfen zogen die verzagten Funktionäre wie eine Kolonne roter Lemminge in eine scheinbar aussichtslose Wahlschlacht. Selbst ein absolutes Debakel und die fantastische Möglichkeit einer absoluten Mehrheit für die konservative Kanzlerpartei wollten einige Pessimisten damals nicht mehr ausschließen. Sie blickten auf den Wahlausgang wie auf eine Naturkatastrophe.