Das Maxim Gorki Theater ist der Winzling unter den Staatlichen Bühnen Berlins. Die Besucher der Stadt, selbst die meisten Berliner kennen allenfalls seinen Namen. Das Haus liegt ein wenig seitab, nicht weit von der Promenade Unter den Linden, doch verborgen hinter einem Kastanienwäldchen ein schöner klassizistischer Säulenbau nach einem Entwurf Karl Friedrich Schinkels. Der kleine Platz vor dem Theater wirkt verträumt.

Am vergangenen Wochenende allerdings rückte das Gorki für zwei Tage und zwei Nächte ins Zentrum. Der neue Intendant Armin Petras lud zur Eröffnungsfeier. Zu einem "Theaterspektakel" in der Ost-Tradition Benno Bessons und Christoph Schroths: das Theater als offenes Haus mit Trommelfeuer, Schankbetrieb und einem imposanten Aufgebot kleiner und mittlerer Produktionen auf allen Spielflächen, einschließlich Kantine und Parkplatz. Zehn Inszenierungen auf einen Schlag als Besucher beider Tage schaffte man gerade mal die Hälfte.

Der Hausherr selbst steuerte zur "Spuren.Suche" einen 90-minütigen Ibsen bei: Baumeister Solness im Schnelldurchgang, mit einem Videoausflug in die Berliner Stadthistorie und etlichen Petras-typischen Rollenklischees. Stark die Schauspieler. Peter Kurth gibt die schwankende Titelfigur in der Krise - auf der einen Seite drängt die junge Schwärmerin Hilde, fulminant Anja Schneider, auf der anderen kämpft eine hoffnungslose Ehefrau. Cristin König hält die Rolle in einer so spannungsvollen, irritierenden Schwebe, dass im Kritiker schon die zarte Hoffnung aufkeimt, Petras könnte künftig solche emotionalen Widersprüche öfter zulassen und auf seinen gefürchteten Klassiker-Holzschnitt verzichten.

Auch die Werther-Version Jan Bosses ist mit einem fabelhaften Schauspieler-Trio bestückt. Fritzi Haberlandt und Ronald Kukulies, hier als die Verlobten Lotte und Albert, gehören nun fest zum Gorki-Ensemble - Hans Löw vom Hamburger Thalia gastiert in der Titelrolle. Anfangs hat die Aufführung, bei großer Nähe zum Originaltext und kleinen ironischen Tupfern, beträchtlichen Charme - später vermittelt sie eher Stillstand und Monotonie als Katastrophe und unaufhaltsamen Sturz.

Zu DDR-Zeiten war das Gorki-Theater ein Ort des ästhetischen Widerstandes

Zweimal steht Einar Schleef auf dem Programm. Petras inszeniert mit bösem Witz die Erzählung Das Haus, Passion eines ostdeutschen Hausbauers. Sebastian Baumgarten nimmt sich Berlin ein Meer des Friedens vor: Mit Videosequenzen, szenischen Varianten und zwei aufgeräumten Darstellern (Ruth Reinecke und Fabian Gerhardt) erzählt er die Groteske eines Fernseh- und Ehealltags in der DDR fort bis zum Mauerfall und zur ersten Konsumorgie. Baumgarten, der Vielgefragte, will sich weiterhin am Gorki engagieren, wie andere Regiekollegen auch. Fest ans Haus kommt Peter Kastenmüller, Petras langjähriger Weggefährte. Viele Stile sind da versammelt, die Bühne wird nicht nur die Spielwiese des Hausherrn sein.

Nicht alles, was dieses Theaterspektakel präsentiert, strotzt vor künstlerischer Dringlichkeit. Manches ist nur nett. Doch hier geht es in erster Linie um das Ausprobieren von Vielfalt. Regiehandschriften werden vorgeführt und vor allem: die Facetten eines neuen Ensembles.