Vinod Mehta hat allen Grund, seinen nackten Fuß entspannt übers Knie zu legen und die Arme locker hinter dem Kopf zu verschränken. An der Wand zeugen Karikaturen und Fotos, auf denen der Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Outlook mit politischen Größen aus Indien und aller Welt zu sehen ist, von seiner Rolle als journalistische Instanz. Sein Blatt, 1995 gegründet und etwa dem Spiegel vergleichbar, ist mit 300000 Exemplaren Auflage aus Indiens politischen Debatten nicht wegzudenken. Und vermehrt hat es sich auch noch: Outlook Traveller , Outlook Money , Outlook Business … Alles im Angebot: Ein Buch- und Zeitungsstand am Connaught Place in Neu-Delhi BILD

»Es geht uns sehr gut«, sagt Mehta abgeklärt und ironisch. Aber Anlass, sich zurückzulehnen, gibt es trotzdem nicht: »Da draußen herrscht jetzt ein mörderischer Wettbewerb.« Ein stürmischer Medienboom treibt das in seinen sozialen Gegensätzen wachsende und brodelnde Indien in einen weiteren Widerspruch: zwischen einer nie gekannten vitalen, weltweit einzigartigen demokratischen Öffentlichkeit – und den Ablenkungsschäumen des Medienkommerzes.

Die Zeitung »Dainik Jagran« erreicht mehr als 20 Millionen Leser

Besonders in Metropolen wie Delhi, Mumbai (Bombay) oder Kalkutta lockt vielfarbiges, vielsprachiges Blattwerk an den Kiosken, von improvisiert wirkenden Gazetten auf hauchdünnem Sparpapier über rosa Business-Zeitungen bis zu gestylten Magazinen in Hochglanz. Ein pluralistisches Concerto grosso, bei dem sich nicht selten mehrere Redaktionsmitglieder auf derselben Seite zum gleichen Thema äußern und im Meinungsstreit nur noch von den Leserbriefspalten und Internet-Foren der Verlage übertroffen werden – ob es um Quoten für die unteren Kasten an den Hochschulen geht, um Bauernselbstmorde, die Abschaffung des Schwulenparagrafen oder Indiens Nuklearabkommen mit den Vereinigten Staaten.

Gelesen wurde in Indien schon immer viel, Zeitungen kosten um die fünf Rupien – ein paar Cent. Doch erst das Wirtschafts- und damit Anzeigenwachstum seit den neunziger Jahren, zudem Fortschritte bei der Alphabetisierung beflügelten die enorme Entfaltung des Zeitungsmarkts, parallel zum Siegeszug des Kabel- und Satellitenfernsehens mit bis zu 200 Kanälen. Entscheidend aber waren die modernen Technologien: Seit deren Import keiner staatlichen Lizenz mehr bedurfte, ersetzte der Computer so manche verstaubte Second-Hand-Druckmaschine. Datenfernübertragung ermöglichte es vielen Blättern, über ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet hinaus die Konkurrenz unter Druck zu setzen, auch in anderen Städten.

Die höchste Auflage erreichten Blätter in Hindi, an deren Spitze mit über 20 Millionen Lesern Dainik Jagran steht. Am meisten zugelegt haben die regionalen Zeitungen in Sprachen von Punjabi über Malayalam bis Telugu. Zugleich ist Indien der weltweit größte Markt für immer mehr englischsprachige Zeitungen. Ganz vorn liegt nach aggressiven Preiskriegen und optischer Aufrüstung die Times of India mit einer Auflage von über zwei Millionen. So ist die Medienlandschaft des Subkontinents mit seinen 28 Bundesstaaten in ihrer kulturellen und sprachlichen Vielgestaltigkeit wenn überhaupt, dann mit jener ganz Europas vergleichbar – mit dem Unterschied, dass es in Europa eine gemeinsame Öffentlichkeit nicht gibt.

Kontinuierlich stieg die Zahl der täglichen Leser von Printmedien, im vergangenen Jahr um drei Prozent auf 222 Millionen. Solche Angaben schwanken allerdings erheblich, schon weil ein Zeitungsexemplar durch zwei – aber auch durch ein Dutzend Hände gehen kann. Etwa ein Drittel der Bevölkerung kann noch immer nicht lesen und schreiben, aber mehr als 350 Millionen Bürger macht der National Readership Survey schon jetzt als noch unerreichte Zielgruppe aus. Ein Riesenpotenzial, um das alte Verlegerhasen ebenso wie Unternehmer aus allen möglichen Branchen, aber auch politische Parteien als Medienfinanziers buhlen. Und so sieht sich Vinod Mehta trotz aller Erfolge unter Dauerdruck: »Marketing und Verkauf sind für uns heute fast schon so wichtig geworden, wie Neuigkeiten zu recherchieren.«