Diesem Ort zu entkommen, an dem der Mensch mal 13 Millionen erscheint, durch die Straßen läuft und drängt und rollt, wo es ganze Stadtviertel braucht, um die Wäsche der Massen in steinernen Becken zu reinigen, wo Abfall wie Laub den Asphalt bedeckt und heißer Staub die Poren schließt, diesem Ort zu entkommen wird schon bald nach der Ankunft zu einem Bedürfnis, dringend wie Durst. Bom Baim, die gute Bucht, tauften ihn die Portugiesen, aber da war sie noch so gut wie leer. Heute ist Mumbai, das frühere Bombay, ein pochender Moloch, eine schillernde Zumutung, eingefasst vom Arabischen Meer. Der Zug verlässt den Bahnhof um 16.40 Uhr. Dann geht es los.

Es mag authentischere Fortbewegungsmittel geben, um Indien zu bereisen. Aber sie sind anstrengend. Und heiß. Und, seien wir ehrlich, meistens riechen sie nicht gut. Ein touristisches Refugium jedoch breitet sich hinter den teesalongrünen Türen des Deccan Odyssey aus – ein Luxuszug, der in knapp einer Woche gemächlich von Mumbai ins 400 Kilometer südlich gelegene Goa schuckelt und mit Umweg über die Höhlen von Ajanta wieder zurück. Im Empfangsraum des Vier-Kabinen-Waggons warten Schnittchen, fruchtige Getränke auf gestoßenem Eis und Pravakar, der Abteilkellner, der alle Reisenden mit kühlen, feuchten Handtüchern und die Trostbedürftigen mit einem Lächeln begrüßt. Pravakar ist 19 Jahre alt. Die Pubertät hat kleine Narben in seinem Gesicht hinterlassen.

An den großen Fenstern des Abteils zieht die Rückseite Mumbais vorbei: Hütten aus Stein, Wellblech und blauen Plastikplanen, vielfarbig verblichener Waschbeton hinter rostigen Gitterstäben und halbfertige Häuser in Bambuskorsetts. Deiche aus Erde und Schrott trennen die Slums von den Gleisen. Ein Mann und ein Hund urinieren einträchtig, ein Kind spielt. Züge kreuzen. Aus den offenen Türen lehnen Menschen. Das Abenteuer lockt ein bisschen, kommt aber nicht weit, weil sich das zweite Kissen in meinem Rücken gerade aufs bequemste zu einem Polster fügt. Außerdem klopft es an der Tür. Pravakar reicht noch mehr Schnittchen.

Es dauert eine ganze Stunde, bis sich die Landschaft leert. Menschenpaare stolpern die Gleise entlang, nach Hause in unsichtbare Dörfer. Mein Aufatmen begleitet diese Flecken struppig-grüner Ebene ohne Besiedlung. Aus der braunen Erde unter niedrigen Bäumen ragen die knallroten gedrechselten Säulen eines Schreins wie ein Schrei in der Stille, im Hintergrund die Silhouette der Berge, sanft und ungefähr. Abenddunst schluckt die Farben unter einem taubenblauen Himmel.

Wieder klopft es an der Tür. Pravakar serviert Kaffee, der auch Tee sein könnte, und sagt: "Die Tasse nur halbvoll machen, bitte." Wegen der Erschütterungen. Erste Lektion im Leben auf Rädern. Wir passieren Bahnhöfe, in denen ebenso viele Menschen schlafend am Boden liegen, wie sie stehend auf Züge warten. Pravakar bittet darum, zum Abend die Vorhänge zu schließen. Damit beim Halt niemand durch die Fenster schaut, wenn in der Dämmerung die Innenbeleuchtung den Spiegeleffekt der Scheiben zunichte macht. Dabei wäre das ein fairer Deal: Tagsüber wir euch, nachts ihr uns.

Der Weg zum Speisewagen ist weit, führt vorbei an drei holzgetäfelten Wohn- und Schlafwaggons, dem Spa- und Fitness-Waggon, dem Business-Center-Waggon, dem Aufenthaltswaggon mit Großbildfernseher und Bibliothek sowie dem Frühstückswaggon. Kellner in Fantasieuniformen, ein Cross-over aus Maharadscha-Gefolge und tschechischer Der kleine Muck- Inszenierung mit viel Kupfer und Kordeln, servieren wahlweise die Menüpunkte European Choice oder Indian Experience. Dazu gibt es das gute indische Kingfisher-Bier in der eisgekühlten Literflasche. Pünktlich zum Eintreffen der Mahlzeit erreicht der Zug seine Höchstgeschwindigkeit, als gelte es, die Passagiere rechtzeitig mit jenen Speiseresten auf Oberbekleidung und Wangen auszustatten, die in Asien zu jeder ordentlichen Zugreise gehören.

Es ist die letzte Fahrt des Deccan Odyssey vor dem Monsun. Zur Hauptsaison zieht die Lok 21 Waggons, elf davon Kabinenwagen. Das Interieur beschwört mit Holz, Messing und Samt Erinnerungen an eine koloniale Zeit, dabei fährt der Zug erst seit drei Jahren auf dieser Strecke. Er gehört dem Bundesstaat Maharasthra, den er durchschaukelt, und wird betrieben von den Indischen Staatsbahnen und dem Maharasthra Tourist Bord. Ein mobiles Fremdenverkehrsbüro, was nicht ohne Auswirkungen auf die Programmgestaltung bleibt, aber so weit sind wir noch nicht.

Zunächst einmal kehren wir zurück vom Barwaggon, passieren Dinnerwaggon, Frühstückswaggon, Aufenthaltswaggon, Business-Center-Waggon und Fitness-Waggon, erleben, wie sich sämtliche Beschäftigte für unseren Auftritt erheben, und erreichen schließlich den Wohnwaggon, wo schnell klar wird, dass Klimaanlagen besser sind als ihr Ruf. Im Schlafraum, ausgestattet mit zwei Betten, Nachttischen und einem kleinen Schreibtisch, ist die Temperatur auf Madrid gedimmt, im unklimatisierten Badezimmer ist Mumbai. Ohne Menschen allerdings. Die Frotteeschläppchen stehen neben der Bettkante bereit, die Kleider sind zusammengelegt und zugeknöpft, und augenblicklich stellt sich eine Gefühlslage ein, die zwischen fünfjährigem Kind und Heiminsasse changiert. Nicht unangenehm. Auf dem aufgeschlagenen Bettlaken steckt eine weiße Blüte im dafür vorgesehenen Loch einer Karte mit der Zeile: "To sleep … perchance to dream. Shakespeare." Darüber lässt sich nachdenken, wenn man nicht schlafen kann, weil der Zug haltlos durch die Nacht poltert.

Am Morgen graut der Himmel vor dem Fenster. Ein dünner Rauchfaden steigt auf von braunem Feld. Sträucher tragen hellgrüne Blätter wie Schmuck in der ausgetrockneten Landschaft. Es klopft an der Tür. "Wake-up call, Madam." Dann steht Pravakar da mit einem Tablett in der Hand, darauf Kaffee und Kekse, im Gesicht ein selbstbewusstes Lächeln. Vielleicht weil er weiß, dass man ihn lieben muss in diesem Augenblick. Später reicht er Obst und Saft nach. Dann klopft es wieder. "Please come, Madam." Minuten später: "Madam, come please, everybody’s waiting." Wir werden dieses Ritual in den kommenden Tagen oft wiederholen und irgendwann einen Punkt erreichen, an dem Pravakar aufrichtige Begeisterung für den Umstand entwickelt, dass ich beim dritten Klopfen vollständig bekleidet die Tür öffne und er kein viertes Mal klopfen muss.

Der erste Landgang: Bhoke. Auftritt Mister Anil, der Guide. Während Mädchen unsere Hände schütteln, uns mit pudrigen Fingern bunte Punkte auf die Stirn malen und mit Blumenketten schmücken, eine Kapelle spielt, ein Kind auf dem Boden der Bahnhofshalle Blütenmantras legt und zwei Herren ein Transparent mit der Aufschrift "MTDC welcomes the Deccan Odyssey Guests at Bhoke" in den Morgen halten, sekundiert Mister Anil mit den Worten: "Welcome, brothers and sisters, welcome to the picturesque railway station of Bhoke." An dieser Auftaktzeremonie werden sich in den kommenden Tagen nur Details ändern.

Im Fürstentum Kolhapur wird man uns orangefarbene Tüllturbane um den Kopf wickeln und drei Tamburinspieler beiordnen, die trommelnd unseren Rundgang durch die Stadt begleiten. In Sawantwadi werden Tänzer auf einer eigens errichteten Bühne Bollywood-Choreografien aufführen. Auf der Bootsfahrt nach Jaigarh Jetty werden Handleser aus unseren Händen lesen, Hennamalerinnen unsere Handinnenflächen mit rostbrauner Paste verzieren, Darstellerinnen in wechselnden Kostümen Folkloristisches präsentieren, und wir werden nie erfahren, ob sie anschließend, während wir barfuß den nächsten Tempel betreten, in Saris oder Jeans schlüpfen. Was wir erleben, ist inszenierte Authentizität. Das muss man wissen. Und mögen.

Mister Anil jedenfalls, der seine Präsentationen mit einem marionettenhaften Schaukeln des Kopfs versieht, was sehr freundlich wirkt, Mister Anil trägt ein weißes Hemd und schwarze Stoffhosen. Er lächelt sehr viel und sehr weiß und hat auffallend lange, schlanke Finger, mit denen er während der Bustransfers indisches Obst hochhält, um es anschließend herumzureichen. Mister Anil weiß auch über die Mythenwelt zu berichten. Er erzählt von Göttern mit 16 Armen und Elefantenköpfen und sagt, dass es ihm schwer falle, daran zu glauben. Dann, unvermittelt: "Andererseits gibt es ja viele Dinge, über die man diskutieren kann. Zum Beispiel: Warum sollen wir eigentlich die Älteren respektieren? Mal im Ernst." Anschließend deutet er auf einen Baum am Straßenrand, sagt: "Schöne Blüten", und kommt erneut auf ein völlig anderes Thema zu sprechen. Mister Anil ist sehr in Ordnung.

Am Nachmittag erwartet uns der Zug in der nächsten Station wie ein Hund, der seines Herrn am Gartentor geharrt hat. Die Abteilkellner nehmen ihre Gäste in Empfang, feuchte Handtücher, Obstsaft auf Eis, Schnittchen. Der Deccan Odyssey ist eine Zuflucht auf Schienen, wo 43 Grad Celsius und Strapazen ihre Gültigkeit verlieren. Noch ehe es dunkel wird, passiert der Zug einen der schönsten Streckenabschnitte der Reise, eine Berglandschaft mit nassgrüner Urwaldatmosphäre. In Ermangelung einer Aussichtsplattform haben die Abteilkellner gestattet, die Zugtüren zu öffnen. Warme Luft drückt schwer ins Wageninnere, vorbei an satten Hügeln, die wie eine gerollte Zunge ins Tal auslaufen und dünne Wasserfälle spucken.

Zwei zusätzliche Loks schieben die Bahn bergauf und schaffen gerade genug Geschwindigkeit, um die Frisur in den Wind zu hängen, tief Luft zu holen und glücklich zu sein. Am Ende eines Tunnels wartet graugrüner Vorabend, aus dem das orangegoldene Licht weicht. Schuppen säumen die Gleise, aus denen Männer mit ausgefransten grünen Signalfahnen winken. In dieser Nacht steht der Zug eine lange Weile auf freier Strecke. Draußen leuchten die Lichter einer Ortschaft still wie Sterne in der Finsternis, und wir erwachen, weil das Schaukeln längst Voraussetzung für Schlaf geworden ist.

Später werden die Erinnerungen an die Reise wie die Traumbilder jener Nächte sein. Die irisierenden Gerüche der Märkte, die Flaschen mit geschwungenen Ornamenten, die Heiligen in Plexiglaskuben, das Ockergelb und Paprikarot der Gewürze, das sich in den Häuflein wiederholt, aus denen die Opfergaben sind. Eine wilde Abfolge von Farben, gegossen in Saris, Lebensmittel und Schreine, illuminiert die Erinnerung wie vielfarbiges Feuerwerk. In den Bahnhöfen drückten Kinder ihre Gesichter an die verspiegelten Scheiben des Zugs, hielten die Hände rechts und links der Augen und schoben ihr Blickfeld über die Scheiben wie Saugmuscheln an Aquarienfenstern.

Die 34 Tempel von Ellora, in Stein gehauen von Buddhisten, Hinduisten und Jainas, waren imposant, auch die Höhlen von Ajanta mit Wandmalereien, die bis ins fünfte Jahrhundert datieren. In Aurangabad sahen wir Bibi-ka Maqbara, eine verkleinerte Kopie des Tadsch Mahal. Auch das Fort von Daulatabad mit seinen Labyrinthen und Fledermäusen, den freundlich fußgebenden Elefanten am Eingang des Ganesh-Tempels von Ganpatipule. Wir fuhren durch die quirligen Straßen von Pune und badeten auf dem Weg nach Goa an menschenleeren weißen Stränden.

All das war schön. Aber nichts war wie Nasik, die heilige Stadt am Ufer des Godavari-Flusses, wo sich alle zwölf Jahre eine Woge von zehn Millionen Gläubigen zum Wasser wälzt. Magere Kühe und Hunde tranken an Pfützen, und die schwarzen Gummidächer der Fahrradtaxis glänzten wie die Schirme einer Trauergesellschaft. Im goldenen Licht des späten Nachmittags sahen wir, wie unten am Fluss, am Brunnen mit den vier Ochsenköpfen, Menschen winzige Bastkörbe mit bunten Blüten, Blättern und Kerzen aufs braune Wasser setzten, in dessen Mitte Kinder planschten, das die Farben brach und glänzte wie ein Ölfilm. Wir waren dankbar für die Spritzer auf unseren heißen Füßen.

Wir erfuhren, dass ein Becken speziell zur rituellen Reinigung der Intellektuellen vorgesehen ist, und fanden Gefallen an diesem Gedanken. Wir sahen Frauen, die aus safrangelben Blumen Kränze wanden, verwitterte Kolonialbauten, orangefarbene Fahnen auf schwarzem Tempelstein, Mütter, die den Kindern das badefeuchte Haar kämmten, und hörten den Schlag der Glocken, die die Gläubigen betätigen, wenn sie den Tempel betreten. Wir sahen Männer im Schneidersitz hocken, während hinter ihrem Rücken die Sonne versank. Einen anderen Tempel betraten wir aufrecht, um gleich wieder zu Boden zu gehen, weil ein sehr schmaler, niedriger Tunnel in die feuchtwarme Unterwelt führte, nur im Sitzen passierbar. Unten huldigten die Gläubigen den Flussgöttinnen und einem Phallus, auf den Wasser tropfte, auf dass die schwarze Kuppel stets glänze.

Es war der letzte Abend an Bord des Deccan Odyssey. Der Abend, an dem Pravakar das erste Mal aus jener Dienstleistungsdeckung trat, die jedes persönliche Gespräch, jeden Einblick in das Leben hinter den Sehenswürdigkeiten verhindert. Der Abend, an dem er bereit war, neben mir Platz zu nehmen und seine Kappe abzulegen. An dem ich erfuhr, dass er einen Bruder und eine Schwester hat. Dass seine Familie 27 Zugstunden von Mumbai entfernt lebt. Dass er gerne durch Bahnhöfe streift. Dass er eine Ausbildung zum Hotelkaufmann machen will und später ein eigenes Hotel eröffnen. Er sprach über sich, mit palatal geöltem Englisch, und plötzlich war mir egal, was draußen vor dem Fenster geschieht, wenn der Zug durch die Nacht fährt.

INFORMATION

ANREISE: Täglich von Frankfurt am Main nach Mumbai zum Beispiel mit Air India oder Lufthansa

EINREISE: Nur mit Visum (50 Euro). Das Formular ist auf der Website www.indischebotschaft.de hinterlegt

BESTE REISEZEIT: Oktober bis März

VERANSTALTER: Die Zugreise mit dem "Deccan Odyssey" beginnt jeweils mittwochnachmittags in Mumbai, Abfahrt Victoria Station, wo sie eine Woche später vormittags endet. Der Komplettpreis für sieben Nächte beträgt 2645 Euro pro Person in der Einzel-, 1910 in der Doppel- und 1555 Euro in der Dreierkabine. Inbegriffen sind Verpflegung, sämtliche Besichtigungen, Ausflüge und Eintrittsgelder. Es ist möglich, nur die Teilstrecken Mumbai–Goa oder Goa–Mumbai zu buchen. Informationen unter www.theluxurytrains.de

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