Frankreichs Muslime erfreuten sich vorige Woche wieder höchsten politischen Zuspruchs. Zur Eröffnung des Fastenmonats Ramadan kam Innenminister Nicolas Sarkozy in die Große Moschee von Paris – "nicht aus protokollarischer Verpflichtung, sondern aus Freundschaft", wie er sagte. Obendrein machte Präsident Jacques Chirac eine Versöhnungsgeste und versprach, dass 80000 muslimische Weltkriegssoldaten aus Afrika für die Befreiung Frankreichs endlich eine angemessene Rente erhalten werden.

Dagegen waren die offiziellen Reaktionen auf das Schicksal des Gymnasiallehrers Robert Redeker eher zögerlich: Der Mann hatte nach einem bösen Zeitungsartikel gegen den Propheten Mohammed Morddrohungen erhalten und musste untertauchen. Die Meinungsfreiheit sei zwar unantastbar, relativierte Premier Dominique de Villepin die Drohungen, aber sie dürfe die Grenzen des Respekts nicht verletzen.

Gibt es in Frankreich neuerdings zweierlei Maß in Religionsfragen? Während Christen, Juden und andere Konfessionen sich längst damit abgefunden haben, gemäß der laizistischen Trennung von Religion und Staat ihren Glauben als reine Privatsache zu betreiben, beansprucht der Islam immer größere öffentliche Aufmerksamkeit. Mit fünf Millionen Angehörigen und 1700 Gebetsstätten besitzt das Land nicht nur die größte muslimische Gemeinschaft Europas, sondern auch die am meisten umsorgte. Dabei praktiziert die Regierung eine Politik mit Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits überwacht sie verdächtige Moscheen und weist radikale Prediger regelmäßig aus – dafür erntet sie mittlerweile Lob von den Sicherheitsbehörden anderer Staaten.

Zugleich aber reagiert das Land weitaus weniger konfrontativ, wenn es um eher symbolische Konflikte geht – sei es zum Karikaturenstreit vor einem Jahr, den Papst-Worten oder dem Redeker-Skandal. Fast könnte man sagen, dass Frankreich statt einer einmaligen Islam-Konferenz wie in Deutschland so etwas wie einen ganzjährigen Rat mit seinen Muslimen abhält. Innenminister Sarkozys Credo, das geregelte Zusammenleben mit dem Islam sei eine der wichtigsten politischen Zukunftsaufgaben, gehört längst zur Staatsräson.

Das erklärt auch, warum in Deutschland die Aufregung um die abgesetzte Berliner Idomeneo- Aufführung groß ist, während ausgerechnet Frankreich, das Land der religiösen Neutralität und der Aufklärung, hochgradig ambivalent auf weitaus schärfere Attacken gegen die Meinungsfreiheit reagiert. Seitdem der Philosoph und Essayist Robert Redeker den Koran als "Buch unerhörter Gewalttätigkeit" und Mohammed als "Meister des Hasses, Plünderer, Polygamist und Judenmörder" beschimpft hatte, muss er sich unter Polizeischutz verstecken. Lehrergewerkschaften und Medien unterstützten zwar den Verfolgten, aber distanzieren sich von seinen Tiraden.