London

Beim "Kampf um Herzen und Gemüter" der muslimischen Minderheit war die Regierung Blair bislang wenig erfolgreich. Mit Erleichterung reagierte sie deshalb, als im Sommer der Sufi Muslim Council ins Leben gerufen wurde. Nach Aussage des Mitgründers Haras Rafiq soll er für die "schweigende Mehrheit moderater Muslime" sprechen. Der Sufismus, eine spirituelle Version des Islams, strebt Reinheit von Wort und Tat an und sieht sich als Antithese zum "politisierten" Islam, der zu Abgrenzung und Extremismus führe. Bislang war es der Muslim Council of Britain, MCB, der seit seiner Gründung 1997 den Anspruch erhob, britische Muslime zu repräsentieren.

Kein Land in Europa hat sich mit solchem Schwung einem multikulturellen Schmusekurs verschrieben wie Großbritannien. Kopftücher sind allgegenwärtig, islamische Feiertage werden im Unterricht gefeiert, die Commission for Racial Equality achtet auf strikte Antidiskriminierung. Gesellschaftliche Vielfalt zu preisen ist britische Staatsdoktrin; dagegen untersagen lokale Behörden schon mal, Weihnachtsbäume auf öffentlichen Plätzen aufzustellen. Mit Rücksicht auf muslimische Gefühle.

Nicht der Hauch eines Widerspruchs erhob sich, als Ende der achtziger Jahre ein Muslimisches Parlament etabliert wurde, ohne demokratisch legitimiert zu sein. Als der Muslim Council of Britain gegründet wurde, wurde er freudig begrüßt: Endlich hatte der Staat den ersehnten Gesprächspartner. Hinterfragt wurde der MCB nie. Man sah darüber hinweg, dass Sir Iqbane Sakranie, bis 2005 Generalsekretär, öffentlich erklärte, für Salman Rushdie sei der Tod "eigentlich eine zu milde Strafe" und dass er den Holocaust-Gedächtnistag boykottiert.

Der Muslimrat errichtet mit saudischem Geld Moscheen, in denen der rigide Wahabismus dominiert und eine Version des Korans verbreitet wird, die Christen und Juden ewige Verdammnis verheißt. Eine Sendung der BBC überführte den MCB kürzlich der Doppelzüngigkeit. Moderat im offiziellen Dialog, wird intern eine unversöhnliche Sprache gegenüber den Kuffars, den Ungläubigen, angeschlagen.

In den neunziger Jahren griff die Radikalisierung junger Muslime um sich. Tausende machten sich auf nach Afghanistan und Pakistan, um sich in Trainingslagern auf den Heiligen Krieg vorzubereiten. Doch für den MCB gab es dieses Problem gar nicht. Ihre Stellungnahmen nach den kürzlich aufgedeckten Plänen, zwölf Passagierflugzeuge mit Flüssigsprengstoff vom Himmel zu bomben, entpuppten sich als eine verquaste Mischung aus Verschwörungsgeraune, Forderungen nach einer anderen Außenpolitik oder der Berücksichtigung der Scharia im britischen Recht.

Langsam beginnt die Labour-Regierung zu begreifen, dass sie beim Dialog mit den Muslimen auf die Falschen gesetzt hat. Mit 81 Prozent ist nirgendwo in Europa der Prozentsatz der Muslime höher, die sich zuerst als Muslime und dann erst als Staatsbürger ihres Landes empfinden. Der Integration ist man kein bisschen näher gekommen. Stattdessen breitet sich in der muslimischen Gemeinschaft die Überzeugung aus, der Islam stelle als universaler Glaube eine überlegene Alternative dar zur westlichen Zivilisation. Doch nicht überall ist man willens, aus den Fehlern zu lernen. Als der MCB Einwände erhob gegen das geplante Verbot der Zwangsehe, zog die Regierung flugs den Gesetzentwurf zurück. Derweil sitzt im Foreign Office mit Mockbul Ali ein junger Muslim, der als "Berater für islamische Angelegenheiten" entscheidenden Einfluss darauf hat, welche Muslime im In- und Ausland zu Konferenzen geladen und des Dialoges würdig sind. Ali verfasste 2002 unter anderem einen Artikel, in dem er die erste palästinensische Suizidbomberin als "Vorbild für jede Muslimin" pries. Die Linke, so scheint es, weiß in der britischen Regierung oft nicht, was die Rechte tut.