Es sind noch ein paar warme Tage vor der Küste Ostfrieslands, aber die Sonne sticht nicht mehr, sie umspielt die roten Backsteinhäuser nur noch. Auf der Wilhelmstraße am Kurplatz ist es ruhiger geworden. Vor der Bäckerei Remmers bilden sich morgens zur Brötchenholzeit keine Menschenschlangen mehr, die Zeitungsauswahl gegenüber bei Poppinga wird wieder lokaler, weil die Gäste aus Nordrhein-Westfalen weg sind. Kutschen klappern weiter übers Straßenpflaster, sie sind die Verkehrsmittel für den Warentransport auf der autofreien Insel. Aber nun müssen die Pferde nicht mehr mit den Radfahrern kämpfen, die die Wilhelmstraße im Hochsommer zu einer überfüllten Hauptverkehrsstraße machen. Am Kurplatz lassen nur noch ein paar Kinder, die für die Schule zu jung sind, ihre Segelbötchen auf dem Schiffchenteich fahren. Es ist Mitte September. Der Sommer klingt aus.

Wind weht Musik durch die Straßen. Vor der Konzertmuschel sitzen ältere Damen auf den Parkbänken in mehreren Reihen hintereinander – manche versonnen, andere schunkelnd, manche scheinbar ungerührt. Auf der Bühne stehen die Mitglieder des Juister Kurorchesters: acht Ungarn in grauen Hosen, weißen Hemden und mit quer gestreiften Krawatten. Seit 25 Jahren geben die Musiker unter der Leitung von Laszlo Tary in der Hochsaison den Ton an und spielen auch heute noch einmal auf zum Vormittagskonzert. Rechts an der Flöte: Kapellmeister Tary. Barnabas Vajda, der Geiger, wiegt sich links außen im Takt. Und in der Mitte die Männer an Klavier, Kontrabass, Schlagzeug, Cello, zweiter Geige und Klarinette. Als Punkt zwölf das letzte Stück beendet ist, warten sie auf den Applaus, verbeugen sich und verlassen die Muschel durch den Hinterausgang. Die Damen mit den Hüten bleiben noch etwas sitzen, dann gehen auch sie. Alle wissen: Die Musiker kommen wieder. Am Nachmittag desselben Tages um halb fünf, abends um Viertel nach acht zum Ungarischen Abend im Haus des Kurgastes, am nächsten Tag um halb elf, um halb fünf und abends auch wieder – fast täglich bis zum Abschlusskonzert am 28. September geht das so. Danach werden auch sie nach Hause fahren. Kein Straußscher Walzer mehr, keine Operettenschlager oder Ungarischen Tänze von Brahms, die den verlässlichen Teil des Sommeridylls ausmachen.

Fast jeden Tag wünscht sich jemand »Preußens Glanz und Gloria«

Seit Tary das Orchester gegründet hat, hat er jede Saison auf der Insel mitgemacht, die von den Einheimischen »Töwerland« (Zauberland) genannt wird – nur ein paar hundert Meter breit und 17 Kilometer lang und trotz 90000 Sommergästen ziemlich weit weg von dieser Welt. Seit 1981 wohnen die Musiker im Haus Witten. Es gehört der Gemeinde und steht den Rest des Jahres leer. Hier hat jeder ein Zimmer für sich, im Keller liegt die Gemeinschaftsküche, zum Kurplatz sind es nur zwei Minuten.

Tary, 67, betritt den engen Probenraum, setzt sich zwischen dem Bügelbrett und den Regalen voller Noten an den Tisch. Er trägt jetzt Schlappen mit Holzsohle zur kurzen Hose. Dem Gast hat er ein kühles Paderborner Pilsener hingestellt und sich selbst das Német-Magyar Kéziszótár von Elöd Halasz auf den Tisch gelegt, das große ungarisch-deutsche Wörterbuch im blauen Leineneinband, dabei ist sein Deutsch ziemlich gut. »Hier haben wir die Noten für ungefähr 300 Musikstücke«, sagt er, sauber gestapelt und geordnet nach Opern und Operetten, Walzern, Tanzmusik, Ouvertüren. »Und wegen des deutschen Geschmacks auch Marschmusik«, sagt Tary. »Fast jeden Tag wünscht sich jemand Preußens Glanz und Gloria – na ja, die Geschmäcker sind verschieden.«

Er nutzte die Sommerpausen des Budapester Operettentheaters, in dem er 25 Jahre lang Soloflötist war, weil ihn das Musizieren mit kleiner Besetzung reizte – aber auch die Devisen des Westens: »Nur so konnte ich mir meine wunderschöne Meisterflöte kaufen.« Mit der Berufsbezeichnung »Musiker« im ungarischen Pass kam die Truppe ohne Probleme über die Grenze. »Zuerst erschien mir diese ganze Insel sehr flach, sehr langweilig. Jesses Maria, was kann ich machen, dachte ich«, sagt er in seinem weichen Deutsch. Aber als er am nächsten Morgen aufwachte, war er glücklich: »Kein Mensch war zu sehen. Vor dem Fenster saß ein Hase, ein Fasan lief durchs Gras. Absolute Natur und Ruhe, kein Großstadtlärm wie in Budapest, wo immer Trubel ist«, vor allem am Westbahnhof, wo er mit seiner Frau wohnt.

Juist und Tary, das nahm Formen einer Liebe an. Manchmal finden er und seine Musiker Wein hinter der Konzertmuschel, Sträuße roter Rosen und auch mal acht Würstchen der Marke Bifi. Tary sagt, so viel Zuneigung habe er anderswo noch nie erlebt. Schon im Februar beginnt er damit, 30 Musiker so über den Sommer zu verteilen, dass er immer mit sieben von ihnen spielen kann. Bence Abraham, der erste Geiger, kann nur im Juli und August, wenn er von seinem belgischen Orchester frei kriegt. Auch der Bassist Imre Huszar von den Budapester Philharmonikern musste früher zurück. »Wie ein Schachspieler schiebe ich die Musiker hin und her«, sagt Tary. Behutsam hat er das Programm über die Jahre verändert. Den alten Schmelz hat er für das Stammpublikum bewahrt, doch für die jüngeren Familien mit Kindern wurden auch die Beatles, Musical-Hits und Glenn Miller ins Repertoire aufgenommen.