Basteln – das klingt immer ein bisschen brav. Doch es geht auch anders: »Extrembasteln« lautet der neue Fachterminus für die ungezähmte Freiheit der Handarbeit, für das Glück kühner Materialkomposition. Mit einer Heißklebepistole wächst auch das zusammen, was nicht zusammengehört. Antje von Stemm, allen Papierfaltern, Pop-up-Fans und Buchzerlegern bestens bekannt (und 2000 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für Fräulein Pop und Mrs. Up belohnt), hat ein Bastel- und Werkbuch komponiert, das die Langeweile mit der Macht des spontanen Einfalls besiegt.

Eine fröhliche Camouflage liefert das Buch obendrein: Denn was so liebenswert chaotisch und beeindruckend hemmungslos erscheint, ist klar gegliedert und oft genug eine Einübung in Ausdauer und Geschicklichkeit. Von der Spionagekamera (Spiegelreflex!) bis zum Weltraum-Mobile, vom Luxus-Hundekeks (mit Varianten für Katze und Meerschweinchen) bis zum Wut-Abreagier-Kegel, hier werden die unmöglichsten Objekte zum spielerischen Gebrauchsgegenstand. Auf drei Ebenen vollzieht sich der ebenso vielseitige wie beschwingte Kompaktkurs. Auf der ersten wird eine Geschichte erzählt, auf der zweiten gibt es die Anleitungen für die Basteleien, und auf der dritten werden einige grundlegende Fertigkeiten trainiert.

Die Geschichte will nicht glänzen, sie ist schnell montiert und grob geschliffen, liefert aber leichthin die Vorwände für die anstehenden Arbeiten. Wer bei der etwas sonderbar sich aufführenden Tante Ilse durchs Fenster schauen will, der braucht eben ein Paar Beinexpander. Und weil die Tante Ilse da nun verheult in ihrem Wohnzimmer sitzt, empfiehlt sich das Falten einer Trostkarte mit eingebautem Tränenwischer-Arm samt Papiertaschentuch. So geht das, und bei allem hilft ein intergalaktisches Mädchen, Krims Kramuri vom Planeten Einfall.

Die Anleitungen für die Basteleien sind ganz kurz, erstens, zweitens, drittens. Aber kleine Skizzen am Seitenrand zeigen, wie’s gemacht werden soll. In drei Schwierigkeitsgrade ist alles eingestuft, problematische Tüftelarbeiten mutet Antje von Stemm uns hier nicht zu, also durchaus auch ein Einsteigerbuch. Und vor allem, Werkzeuge und Material finden sich mit wenigen Ausnahmen im Haushalt. Eine Empfehlung gibt es jedoch vorweg: Beschaffe dir eine »Krimskrams-Kiste«, in der sich nach und nach so allerhand ansammelt, Strohhalme, Deckel, Plastikflaschen, eigentlich alles, »was irgendwie interessant aussieht«. Eins noch: Treib deine Eltern nicht zur Verzweiflung, besorge dir eine »Basteltischdecke«: »Wachstuch ist Gold wert!«

Ganz wichtig ist die dritte Ebene des Buches, Stichwort »Basisbasteln«. Hier lernt man fürs Leben: Durchpausen, Schachtelnbauen, Nähen, Heißkleben und – Vorsicht bitte, scharf und schwierig – Glasschneiden! Kein durchgeplanter Grundkurs also, der Einfall zählt, und das Motto wird nie vergessen: Spaß soll es machen. Darum ist die Klebepistole beim Extrembasteln so etwas wie die Geheimwaffe der Baulust. Die Bohrmaschine samt Schrauben, die Werkstoffe Holz und Metall, das alles kommt eben später, wenn der Kleber seine Schuldigkeit getan hat und die Fantasie ihre Neigung fürs Solide entdeckt. Hier aber wird man bestens ausgerüstet, mit der Spionagekamera guckt man um die Ecke, mit der Profi-Detektivausstattung werden die Investigationen in Sachen Tante Ilse systematisch, und mit der ausgestopften »Kissenkollegin« – zweifellos ein Höhepunkt – lässt sich mühelos Betthüten vortäuschen. Eigentlich ist die Geschichte schon gelaufen, Krims Kramuri fliegt nach Hause. Aber Antje von Stemm bastelt einfach weiter, wunderschöne Zugabe: Wir binden uns ein Buch, ein Hoch dem Haptischen. Reinhard Osteroth

LUCHS 236 wurde ausgewählt von Gabi Bauer, Marion Gerhard, Hilde Elisabeth Menzel, Andreas Steinhöfel und Konrad Heidkamp. Am 5. Oktober, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen-Funkhaus Europa das Buch vor. Das Gespräch zum Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de oder als /podcast/luchs »

Alle LUCHS-Kinderbuchempfehlungen finden Sie hier »