Fotografen geht Andrew Fire aus dem Weg, seit ein italienisches Modemagazin ein Foto von ihm druckte als Negativbeispiel für den Schlabberpulli-Look von Forschern. Jetzt wird der scheue Biologe von der Stanford-Universität den Paparazzi kaum mehr entkommen. Seit Montag, als das schwedische Nobelpreiskomitee die Entdeckung der RNA-Interferenz mit dem Preis für Medizin bedachte, sind er und sein Kollege Craig Mello berühmt.

Die Kür der beiden Amerikaner Mello arbeitet an der University of Massachusetts in Worcester bei Boston ist eine ungewöhnlich forsche Entscheidung. Erst 1998 hatten die beiden Wissenschaftler Befunde veröffentlicht, die einen bis dahin völlig unbekannten Mechanismus aufdeckten, mit dem Zellen ihre Gene steuern. " Es ist extrem schnell gegangen", sagt Anthony Hyman von Dresdener Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik. Und noch immer sind viele Aspekte ihrer Entdeckung rätselhaft.

Fire und Mello selbst hielten ihre Erkenntnis zunächst für eine seltene Laune der Natur, die nur bei Fadenwürmern vorkommt. Doch binnen weniger Jahre explodierte das von ihnen begründete Forschungsfeld geradezu. Eine Flut aufsehenerregender Experimente bewies, dass RNA-Interferenz ein zentrales Element des Lebens ist. Bei Mensch, Tier und Pflanze sind die von Fire und Mello enttarnten Funktionen der Ribonukleinsäure-Moleküle (RNA) für das Zusammenspiel der Gene und für die Virenabwehr von entscheidender Bedeutung. Auch bei Tumoren scheinen sie eine Rolle zu spielen. Fire glaubt gar, in ihnen einen Motor der Evolution entdeckt zu haben. Inzwischen testen Pharmafirmen die ersten Medikamente, die mit RNA-Interferenz (RNAi) wirken.

Ihr Weg ins Rampenlicht begann auf einer Tagung im Frühsommer 1997. In Madison, Wisconsin, traf Andrew Fire seinesgleichen: Biologen, die mit Hilfe des Spulwurms Caenorhabditis elegans die Geheimnisse des Lebens entschlüsseln wollen. Allerdings beschäftigten sich Mello und Fire gerade mit einem scheinbar marginalen Problem. Um herauszufinden, welche Funktion ein bestimmtes Gen für den Wurm hat, verwendeten sie eine Technik, mit der sich einzelne Gene stilllegen lassen.

Sie knebelten die Gene, um aus den resultierenden Fehlfunktionen zu lernen. Damals war das dafür gängige Verfahren die Antisense-Technik.

Dabei fangen Forscher die Boten-RNA (auch Sense-RNA genannt) ab: Es sind Kopien eines Gens, in denen die Bauanleitung für ein Protein enthalten ist (siehe Grafik). Mit künstlicher Antisense-RNA, so lautete die Idee, sollte die Boten-RNA abgefangen werden. Denn wie zwei Teile eines Reißverschlusses ineinander greifen, ziehen sich Sense- und Antisense-Moleküle an und bilden einen Doppelstrang, der nicht in ein Protein übersetzt werden kann. Das Gen ist stillgelegt.

Fire, damals noch an der Carnegie Institution of Washington in Baltimore, und sein Kollege Craig Mello hatten jedoch immer wieder Probleme mit dieser Technik beobachtet. Manchmal funktionierte die Gen-Zensur nicht, manchmal aber sogar dann, wenn sie künstlich hergestellte Sense-RNA in ihre Würmer injizierten. Theoretisch war das völlig unmöglich, denn so wie zwei gleiche Reißverschluss-Seiten nicht zueinander passen, können sich auch zwei Sense-Stränge nicht aneinander binden.