Die Erdmännchen von Köln sind Kult. Regelmäßig stehlen sie ihren Nachbarn die Schau. Unbeachtet trampeln die mächtigen Trampeltiere durch die Anlage gegenüber, ähnlich ergeht es den putzigen Waschbären beim Mehlwürmermümmeln im Gehege nebenan. Bei den Erdmännchen aber sammeln sich die Zoobesucher in Scharen.

Im geräumigen Gelände flitzen die kleinen Tiere unermüdlich umher, huschen durch ein Erdloch in ihre unterirdischen Bauten, tauchen plötzlich ganz woanders wieder auf, jagen, graben, spielen, balgen, lecken und lausen sich. Oder machen in typischer Manier Männchen, wobei sie die Zaungäste mit hochgereckter Schnauze aus schwarz umrandeten Knopfaugen fixieren. "Wie viele sind das eigentlich?", fragt ein Zuschauer und versucht sich im Zählen.

Waltraut Zimmermann könnte es ihm sagen: sieben und damit leider viel zu wenig. Die Zoologin ist hier zuständig für große Huf- und kleine Pelztiere und als Einzige beim Betrachten der Kolonie traurig gestimmt. Denn sie weiß, was sich hinter dem vermeintlich fröhlichen Treiben verbirgt: ein Familiendrama, das als Tragödie enden könnte. Es nahm seinen Anfang im März mit dem Tod von Mel B, dem Alphaweibchen der Erdmännchenfamilie. Sie war einer Infektion erlegen. Waltraut Zimmermann will es heute noch nicht wahrhaben. "Da stirbt so ein altes Weibchen – und die gesamte Kolonie geht kaputt."

Bis dahin hatte Köln eine weltweit wohl einmalige Erdmännchengruppe in menschlicher Obhut. Über 20 Tiere bevölkerten das Gehege, das vor drei Jahren nach den neuesten Erkenntnissen der Forschung gebaut wurde. Im Mai 2003 zogen 14 Erdmännchen hier ein. Und mit ihnen die Zoologiestudentin Alexandra Habicher. Ein Jahr lang beobachtete sie das Verhalten der Tiere und schrieb ihre Diplomarbeit über deren Gehegenutzung und Kooperation. "Erdmännchen machen das Forschen leicht," sagt sie. Und Tim Clutton-Brock von der englischen Universität Cambridge schwärmt gar von ihnen als "Jackpot der Verhaltensforschung", vor allem weil sie weder im Zoo noch im Freiland Scheu vor Menschen haben. Vermutlich boomt deshalb auch die Erdmännchenforschung. Ihre Neugier, Frechheit und Fresslust sind derart ausgeprägt, dass man sie (wegen der spitzen Zähne besser mit Handschuhen) greifen und mit Chips oder Farbe markieren kann.