Verhält sich Guido Westerwelle opportunistisch, weil er seine Partei in ein Nein zum ungeliebten und folgenreichen Libanon-Einsatz der Bundeswehr geführt hat? Im Grunde wäre diese Frage nicht weiter von Belang, schließlich ist der FDP-Chef in der Opposition. Doch so einfach ist die Sache nicht. Denn tatsächlich ist es die Bundesregierung, die sich mit ihrer anspruchsvollen Außenpolitik, mit ihrem Interventionismus und der ostentativen Israel-Freundlichkeit in einer latenten Opposition zur Mehrheit der Bevölkerung befindet. Es fehlt nur eine Gelegenheit und ein Mann mit rhetorischer Begabung, der das schweigende Unbehagen an dieser Dimension der Globalisierung weckt.

Dieser Mann kann Oskar Lafontaine nicht sein, dafür steht er zu weit links draußen. Westerwelle hingegen wäre in der Lage, den Protest gegen die Regierung in die Mitte der Gesellschaft und auf das Feld der Außenpolitik zu tragen. Deswegen ist die Frage, ob er hier ein verführbarer Anführer sein könnte, von erheblicher Bedeutung, besonders für das im November, nach den Kongresswahlen in den USA beginnende außenpolitische Jahr. 2007 wird schwere Entscheidungen bringen im Nahen und Mittleren Osten, während Deutschland der EU und der G8 vorsitzt. Es geht um was, darum geht es auch um ihn.

Es ist ziemlich leicht, Guido Westerwelle Opportunismus vorzuwerfen. Denn das Schicksal hat ihn zwar mit vielen politischen Fähigkeiten ausgestattet – rhetorisches Talent, Schlagfertigkeit, Witz, Leidensfähigkeit – nur eines ist ihm nicht gegeben: glaubwürdig zu wirken. Ungerecht, aber wahr: Der FDP-Chef wirkt mitunter sogar dann noch opportunistisch, wenn er nur seine ehrliche Meinung von sich gibt, anders als etwa der frühere Außenminister. Bei Joschka Fischer werden Meinungswechsel auf Damaskus-Erlebnisse zurückgeführt, bei Guido Westerwelle auf eine demoskopische Erhebung. Wenn der Liberale also ein Opportunist ist, dann ein unbegabter.

Dafür jedoch ein geschickter Redner und Pointensetzer. Darum lohnt sich ein intensiver Blick auf Guido Westerwelle und seine strategische außenpolitische Entscheidung gegen den Libanon-Einsatz.

Die Suche nach seinen Motiven führt zunächst zurück in den Mai des Jahres 2002. Auf der Terrasse des King David Hotels in Jerusalem sitzt Guido Westerwelle in der brütenden Hitze. Die Anspannung seiner ersten israelischen Stunden ist für einen Moment von ihm abgefallen. Keine Stunde ist es her, dass der FDP-Vorsitzende in der düsteren Trauerhalle von Jad Vaschem einen Kranz niedergelegt hat. Ins Gästebuch der Holocaust-Gedenkstätte hat er einen Satz geschrieben, der an Selbstverständlichkeit schwer zu überbieten ist: "Geschichte endet nicht mit einer neuen Generation, wir bleiben in ihrer Verantwortung."

Solche Bekenntnisse muss der FDP-Chef auf seiner Reise immer wieder ablegen, weil zu Hause sein Stellvertreter Jürgen Möllemann im beginnenden Wahlkampf ganz offen mit antisemitischen Populismen experimentiert. Und weil Westerwelle selbst in den vergangenen Wochen penetrant und vage zugleich einen neuen Umgang mit der deutschen Vergangenheit angemahnt hat, jenseits der Zwänge von Political Correctness und höherer Moral. Und so ist es nicht überraschend, dass auch auf der Terrasse des King David nicht die Zerknirschung des Jad-Vaschem-Besuchers, sondern die politische Ungezwungenheit des liberalen Kanzlerkandidaten – so nannte er sich damals – durchschlägt.

Als Vertreter "einer Generation, die nicht einmal die Nachkriegszeit mehr erlebt hat", sieht Westerwelle eine ganz zwangsläufige, ganz normale Debatte über einen neuen Umgang mit der deutschen Vergangenheit heraufziehen. Auf die Frage, was solche Andeutungen denn genau besagen, worin der neue Blick der jungen Generation sich vom bisherigen unterscheide, wird der FDP-Chef dann plötzlich wieder verspannt, barsch – und politisch korrekt: So kurz nach seinem Besuch in Jad Vaschem, noch "voll von Eindrücken", werde er darüber nicht weiter diskutieren.