Man sollte sich vorsehen mit Poe. Ihn weder zum Meister der Schauergeschichte erklären noch zum alkoholsüchtigen Visionär des Unterbewussten stilisieren. Er lebt in jenem Zwischenreich, zu dem das Triviale ebenso ungehindert Zugang hat wie die französische Romantik eines Baudelaire, von dem der Popmusiker ebenso angezogen wird wie der Literat in Bargfeld. Vom verräterischen Herz, das unter den Bohlen laut zu schlagen beginnt, von den grabfrevlerischen Begierden nach den weißen Zähnen der Bérénice oder dem Untergang des Hauses Usher haben viele gehört, dem Schrecken sind sie meist entkommen. Entweder schützte sie die deutsche Übersetzung davor, die rührenden Verfilmungen aus den britischen Hammer-Studios oder die schauerlichen Hörspielbearbeitungen voll Wind und Weh.

Die Gedichte Edgar Allan Poes, die jetzt von den einschlägig Vorbelasteten gelesen werden, sind eher geeignet, lustvoll dunkle Gefühle zu evozieren, keine Ruine, kein Kostüm und kein Gesicht schränken die Wirkung ein. Ob Anna Thalbach ihre helle Stimme der Eleonore leiht, Jan Josef Liefers den verwunschenen Palast auferstehen lässt oder Iris Berben mit einspinnendem Singsang die Schläferin beschwört, die Gedichte klingen wie Vampirgeschichten des Geistes, mehr als Filmmusik braucht es zur Begleitung nicht (Inszenierung und Musik: Simon Bertling und Christian Hagitte). Ja, fast scheint es, als sei ein "Berliner Filmorchester" die einzig mögliche Art, Poe zu untermalen, mit diesem falschen Schmelz der Sehnsucht und der wahren Fülle dramatischer Verzweiflung.

Hört man dagegen die musikalischen "Vertonungen" auf der zweiten CD, dann wird das ganze potenzielle Poe-Elend deutlich: romantische, edellikörig gefüllte Pralinen. Was dem Alan Parsons Project mit Tales Of Mystery and Imagination misslang (und Lou Reed mit The Raven so grandios löste), das potenziert sich auf dieser entbehrlichen zweiten CD voll Songs &amp - Bands. Nur F.M. Einheit fällt aus dem Rahmen, er spricht den Eroberer Wurm (aus Ligeia) zu monotonen Schlägen und Synthesizer-Flackern, hält den Abstand des beobachtenden Auges. Es ist der einzige Blick, der dem lauernden Wahnsinn dieser Gedichte angemessen ist.

An eine im Paradies wendet sich auf der ersten CD Hannelore Hoger (aus Das Stelldichein), und mit jedem "Nicht mehr, nicht mehr" wächst neben der Trauer um den Verlust der untergründige Genuss an dieser Mischung aus Liebe und Tod. Auch Gudrun Landgrebes Brautballade lebt in dem Schnittpunkt aus Hochzeit und Verzicht. Es ist zudem die Geschichte Edgar Allan Poes (1809 bis 1849), der die Frauen seines Lebens durch Blutsturz verlor seine Mutter, seine Pflegemutter, seine 14-jährige Cousine und Ehefrau Virginia. Liebe ist bei Poe immer mit Schauer verbunden, mit dem ersehnten Schmerz, der ihm den Tod verklärt. Und so wird auch sein wohl bekanntestes Gedicht Der Rabe zum doppelten Höhepunkt des Albums: zum einen mit Ulrich Pleitgen und in der englischen Fassung The Raven mit dem legendären Schauspieler Christopher Lee. " Der Liebende", schreibt Edgar Allan Poe, "findet ein rasendes Vergnügen daran, seine Fragen so zu stellen, dass ihm das erwartete Nevermore die unerträglichsten und darum köstlichsten Schmerzen bereitet."

Edgar Allen Poe: Visionen

Konzept: Stefan Bauer - Marc Sieper - Audio Lübbe, 2 CDs, 130 Min., 19,90 Euro