Zunächst in den Rückspiegel geschaut! Wenn man sich erinnert, welche Aufregung 1994 die Bildung der ersten rot-roten Landeskoalition in Sachsen-Anhalt verursacht hatte (sie gipfelte in der "Rote-Socken-Kampagne" der Union gegen den glücklosen SPD-Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping und bescherte Helmut Kohl einen letzten, äußerst knappen Wahlsieg), wenn man sich zudem noch einmal vergegenwärtigt, wie 1998 die erste rot-rote Koalition in Mecklenburg-Vorpommern misstrauisch beäugt wurde – dann kann man sich nur wundern: Rein geschäftsmäßig wird inzwischen die Frage einer Koalition zwischen der SPD und der PDS – pardon: der Linkspartei beantwortet. In Berlin mit einem Ja, in Schwerin mit einem Nein. Die SPD als Weltkind in der Mitte aller Optionen? Nicht unbedingt – aber doch immerhin ausgestattet mit der Qual der Wahl.

Pragmatische Erwägungen geboten ihr nun in Mecklenburg-Vorpommern eine Koalition mit der CDU, obwohl daraus niemals eine Neigungsehe werden wird. Aber die rechnerisch mögliche Fortsetzung der bisherigen Verbindung mit der Linkspartei hätte sich auf eine einzige Stimme Mehrheit stützen müssen; in der Linkspartei bildete sich überdies Widerstand bis in die Landtagsfraktion – Ministerpräsident Harald Ringstorff hätte also mit einem Schicksal rechnen müssen, das seine vormalige Kollegin Heide Simonis in Kiel verschlungen hatte. In Berlin hingegen ist die geplante Fortsetzung der rot-roten Koalition die bequemste und stabilste aller Möglichkeiten – ganz abgesehen davon, dass es ziemlich gleichgültig ist, wer in Berlin die Mehrheit stellt, solange der Finanzsenator Thilo Sarrazin seine solide Politik ungestört fortsetzen kann. Dies aber ist eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass das Land Berlin seine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht glaubhaft weiter vertreten kann, die – Verkündungstermin ist am 19. Oktober – dem Land weitere Bundeshilfen bringen soll. Ein Wechsel von Rot-Rot zu Rot-Grün hätte nicht nur hier zu Schwankungen geführt.

Versetzt man sich aber noch einmal zurück in die neunziger Jahre, in die ersten Streitigkeiten über rot-rote Koalitionen, so zeigen sich nun an den Regierungsbildungen in Schwerin und Berlin interessante Ergebnisse. Der offenkundige Tabubruch ("Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!") wurde damals von Sozialdemokraten mit zwei Motiven begründet. Es gehe zum einen darum, der SPD zusätzliche Optionen zu erschließen; selbst historische Verletzungen dürften die Umsetzung linker Wählermehrheiten in Regierungsmehrheiten nicht auf ewig verhindern. Zum anderen aber müsse man – ein ziemlich gegenläufiges Argument! – die PDS in die Regierungsverantwortung locken, um sie dort zu entzaubern, gar zu dezimieren. In Sachsen-Anhalt war die Sache zunächst gründlich schief gegangen – erst nach einem langen Zwischenspiel einer CDU/FDP-Koalition konnte die SPD in Magdeburg wieder als Regierungspartei auftreten, als Juniorpartner der CDU. In Mecklenburg-Vorpommern musste Ringstorff dieses Mal nicht nur hinnehmen, dass seine SPD über zehn Prozentpunkte verlor und nun praktisch alternativlos zum Bündnis mit der CDU verurteilt wurde – außerdem musste er zusehen, wie die PDS ihren Stimmenanteil stabilisieren konnte, trotz der Mitarbeit in einer unpopulären Regierung. In Berlin hingegen scheint das Experiment der SPD gelungen zu sein: Sie legte etwas zu, die PDS/Linkspartei baute gewaltig ab.

Funktioniert also in der Hauptstadt, was in Schwerin gescheitert war? Ist gar Klaus Wowereit der SPD-Mann der Zukunft – ausgerichtet auf die Kanzlerkandidatur? Vorsicht! Was diesmal in Berlin gelang, war nämlich vor vier Jahren auch in Schwerin durchaus erfolgreich gewesen: Die SPD gewann damals 6,2 Prozentpunkte hinzu, die PDS hatte 2002 zugleich 8,0 Prozentpunkte verloren, fast so viel wie jetzt in Berlin (9,2). Vielleicht erklären sich also die gegensätzlichen Koalitionsbildungen in diesen beiden Ländern nur daraus, dass die SPD hier wie dort in einem je andern Zyklus des rot-roten Experiments operiert – und Klaus Wowereit in vier Jahren vom Schicksal des Harald Ringstorff eingeholt werden könnte.

Vorerst verfügten aber Wowereit und seine SPD auch über keine ernsthafte andere Option, etwa die, künftig mit den Grünen zu gehen. Wowereit hat die Fortsetzung des bisherigen Bündnisses damit begründet, dass eine Regierungsbeteiligung der Linkspartei dem Zusammenwachsen der Stadt diene und deren Auseinanderfallen in Ost und West verhindere. Das klingt edel geredet – war aber in Wirklichkeit viel realistischer gedacht. Die PDS wurde nämlich durch ihre Regierungsbeteiligung im Ostteil der Stadt von 47,6 Prozent (2001) auf jetzt 28,1 Prozent regelrecht dezimiert, während es der SPD gelungen ist, nun in beiden Teilen der Stadt mit ungefähr dreißig Prozent der Zweitstimmen vertreten zu sein. Wowereit hatte also gar keine Wahl als die Fortsetzung von Rot-Rot, wollte er nicht die Linkspartei wieder von der Leine und in die populistische Freiheit entlassen. Damit ist er aber auch bis auf weiteres ein Gefangener der spezifischen Berliner Verhältnisse. Bundespolitische Perspektiven sind weder mit diesem Wahlergebnis noch mit dessen Umsetzung verbunden, abgesehen davon, dass in der Politik schon eine Woche eine sehr lange Zeit ist.