Moskau

Kaum hat das Feuergefecht im Birkenwald eingesetzt, da kehrt schon der erste "Tote" ins Lager zurück. Eine Stahlkugel hat Sergej am Bein getroffen. Er musste ausscheiden. Sergej reißt die Schutzmaske vom Gesicht und zieht die olivfarbene Tarnjacke aus. Auf sein T-Shirt ist ein Eisernes Kreuz gedruckt. Die Männer trainieren in den Wäldern südwestlich von Moskau mit einer harten Variante von Paintball: Statt farbgefüllter Plastikkugeln laden sie Metallstückchen in ihre Luftgewehre. Nur die Handgranaten verspritzen mit einem Knall rote Farbe. Die Ballerei im russischen Altweibersommer ist mehr als Wehrsport von Waffenfreaks. Hier üben Rechtsradikale für die Machtergreifung.

Die zehn Mann bilden eine der Kampfgruppen der Nationalsozialistischen Gesellschaft NSO. Ihre schwarz-weiß-rote Fahne ziert ein Hakenkreuz mit gerundeten Endbalken. Die NSOler fühlen sich als Elite. " Wir sind die SS, und die Skinheads sind unsere Sturmtruppen", sagt Dmitrij Rumjanzew. Der Chefideologe der Organisation wirkt meist übel gelaunt, zitiert beflissen aus Mein Kampf und spricht vor allem Markiges: "Die Macht versteht nur die Stimme der Stärke. Im Moment sind wir noch nicht zum Umsturz bereit, aber in zwei oder drei Jahren wird der Funke ein Feuer über das ganze Land verbreiten." Die Frau eines der Hardball-Kämpfer breitet derweil eine Picknickdecke aus und legt die Bockwürstchen parat. Zum Dessert üben die Männer Pistolenduelle.

Manchmal entzünden sie dabei auf dem Rücken der Duellanten befestigte Tücher, die mit Kerosin getränkt sind. " Die Flammen puschen das Adrenalin", schwärmt einer von ihnen.

Die NSO hat es seit ihrer Gründung vor gut zwei Jahren nach eigenen Angaben auf Tausende von Anhängern gebracht. Sie verkörpert die Veränderungen am rechtsnationalistischen Rand Russlands. Anstelle einer anfälligen Führerstruktur bilden die Aktiven ein lockeres Netzwerk ohne Hauptquartier und Mitgliederlisten. " Wir haben eine Art Verwaltungsrat", sagt Rumjanzew. " Wenn man mich liquidiert, lebt die Organisation weiter." Die Fäden des Netzes laufen vor allem im Internet zusammen. Professionelle Websites bieten nationalsozialistischen Thesenwust, Hitler-Taschenkalender, Jungmädel-Ästhetik und rassistische Videoclips über tadschikische Schwarzarbeiter, die beim Datscha-Bau kopfüber in die Betonwanne gefallen sind. Russlands Fernsehsender bedienen sich auf ihrer Suche nach Deftigem gerne bei den realen, etwas verschwommenen Videobildern, auf denen Skinheads Ausländer verprügeln.

Der gewaltbereite Vormarsch der Nationalis-ten zieht eine Blutspur durchs Land. Allein in diesem Jahr wurden in Russland nach Angaben des Moskauer Informations- und Analysezentrums Sowa 35 Menschen aus rassistischen Gründen umgebracht. Im August tötete eine Bombe auf dem Moskauer Markt Tscherkisowo, auf dem vor allem Chinesen und Vietnamesen handeln, zwölf Menschen als Fanal eines Terrorismus von rechts. " Diese Explosion hat bewiesen, dass der nationalistische Untergrund zum Handeln bereit ist", beschwört Rumjanzew. Der 41-Jährige fühlt sich in seiner rechtsradikalen Karriere erstmals in der Mitte des Volkes angekommen. Nationalistisches Denken ist zum Mainstream geworden. Die Elite, die in anderen Ländern intolerante Stimmungen reguliert, passt sich in Russland an und nutzt sie für eigene Ziele.

Viele der kampfbereiten NSOler sind gebildet und gehören zur neuen Mittelklasse. Jung und aggressiv ihrer Sache ergeben sind sie noch obendrein. Der Zynismus der Altersgenossen, die sich in den Jugendgruppen der Polittechnologen aus dem Kreml gegen Privilegien verdingen, ist ihnen fremd. Der 25-jährige Sergej erläutert selbstgewiss in einer Kampfpause, dass die technisch-wissenschaftliche Mobilmachung das russische Volk vor dem Untergang retten soll. Sergej ist Programmierer und führt die NSO-Unterabteilung der Nationaltechnokraten: Ingenieure und Computerspezialisten, ein Designer und ein Finanzökonom, so jung und unauffällig wie jener Chemiestudent, der in Heimarbeit die Bombe für den Tscherkisowo-Markt bastelte. Die Nationaltechnokraten tragen einen aufwärts weisenden Pfeil am Ärmel, die slawische Rune für die Kraft von Wind und Wissen.