"Geboren wurde ich in ein durch und durch kaufmännisches Milieu." Die Schule empfand er als Gefängnis, er schwänzte, sooft er konnte, und hielt sich lieber im Freien auf. "Bis zu meinem vierzehnten oder fünfzehnten Lebensjahr führte ich zur großen Enttäuschung meines Vaters dieses ungezügelte, aber sehr gesunde Leben." Da war er bereits als Karikaturist bekannt. "Ich zeichnete Gesicht oder Profil meiner Lehrer auf respektloseste Weise." Sein Milieu, "in dem man eine verächtliche Geringschätzung für die Kunst zur Schau trug", war wohl doch nicht ganz ohne Einfluss, denn er ließ sich die Porträts bezahlen. Das gesparte Geld ermöglichte ihm mit achtzehn die Unabhängigkeit von der Familie. Aber das quirlige Leben in der Metropole zehrte sein "Vermögen" rasch auf. Der Vater forderte eine akademische Ausbildung "unter disziplinierter Führung" als Bedingung für jegliche finanzielle Unterstützung. Widerwillig ließ er sich darauf ein, stellte jedoch schnell fest, dass alles, was ihm wesentlich war, für seine Lehrer nicht existierte. Mit ein paar befreundeten Kollegen brach er die Ausbildung ab, änderte seinen Vornamen und verbiss sich in das Vorhaben, mit seiner Leidenschaft Karriere zu machen. Das ehrgeizige Projekt, mit dem er Erfolg und Anerkennung erobern wollte, scheiterte. Immer wieder musste er im Lebensmittelladen anschreiben lassen und auf der Flucht vor Gläubigern die Wohnung wechseln. Dass er in wilder Ehe mit einer Frau lebte, die der Vater als nicht standesgemäß ablehnte, verhärtete dessen Standpunkt. Jahrelang sah er sich gezwungen, Bettelbriefe an Bekannte zu verfassen. Als sein erster Sohn geboren wurde, verschärfte sich die Situation: "Seit acht Tagen haben wir kein Brot, kein Feuer und kein Licht. Es ist grauenhaft."

Irgendeine Anstellung anzunehmen kam ihm einem Selbstmord gleich. Kompromisslos hielt er an seinem Weg fest, unbeirrt suchte er auch finanziellen Erfolg. Tatkräftig warb er um Sponsoren, verhandelte geschickt und selbstbewusst. Bei einem Arbeitsaufenthalt fing er ein Verhältnis mit der Frau seines Förderers an. Der reiche Unternehmer machte Konkurs, beide Familien zogen zusammen. Die verwöhnte ehemalige Schlossbesitzerin pflegte die kranke Frau ihres Geliebten, übernahm die Mutterrolle für die beiden Söhne und blieb mit ihren sechs Kindern bei ihm, als diese gestorben war. Eifersüchtig dominierte sie von nun an sein Leben. Seine Einkünfte stiegen, aber nun waren zehn Personen zu ernähren.

In der Mitte seines langen Lebens zog er in das Haus, das zum Mittelpunkt seines Lebens und seiner Arbeit wurde, belebt von Kindern und Besuchern. Der späte Erfolg erlaubte ihm einen ebenso unkonventionellen wie bürgerlichen Lebensstil. Gutes Essen war ihm immer wichtig; jetzt gab es sechs Dienstboten, Reisen und Autos, in denen er sich kutschieren ließ. Schließlich war er so berühmt, dass ihn selbst ein Brief erreichte, auf den ein befreundeter Dichter statt der Adresse ein Gedicht über ihn geschrieben hatte. Sein engster Freund im Alter war ein hoher Politiker, der ihn drängte, sein letztes Werk dem Staat zu vermachen. Die keineswegs einhellig positive Reaktion darauf hatte er vorhergesehen: "Vielleicht werden sie sich daran gewöhnen, aber ich bin zu früh gekommen." Wer war’s?

Wolfgang Müller

Auflösung aus Nr. 40:

Carl Gustav Jung (1875 bis 1961) gilt als Mystiker unter den Psychoanalytikern. Er wuchs in Basel auf, studierte Medizin, spezialisierte sich auf die Psychiatrie. Es ergab sich die Zusammenarbeit und Freundschaft mit Sigmund Freud in Wien, die jedoch wegen unvereinbarer Auffassungen im Streit endete. Der spirituell orientierte, an Religion und Mythen interessierte Jung störte sich am Atheismus Freuds und an dessen Überbetonung des Sexuellen in seiner Trieb- und Neurosenlehre