Seit dem 11. September 2001 macht unter Politikern und Intellektuellen das Motto die Runde, nun müsse Schluss sein mit dem Luxus westlicher Selbstkritik, mit dem Missbrauch liberaler Freiheit und der schändlichen "Dekonstruktion" kultureller Werte. Im Angesicht existenzieller Bedrohung sollten die Rituale der Selbstbefragung beendet und die eigene Identität wehrhaft wieder entdeckt werden, an erster Stelle die christlich-abendländische Religion.

Diese Melodie hat jüngst auch CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla angestimmt. Die Deutschen, so predigt er in einem Spitzenerzeugnis des abendländischen Geistes, der Bild am Sonntag, sollten endlich aus ihrem Herrgottswinkel heraustreten und kämpferisch "christliche Werte" verteidigen. Andere Stimmen erwarten gar, dass deutsche Bürger Flagge zeigen und ihre Religion wieder sichtbar bekennen, damit Muslime sie nicht länger als Ungläubige bezeichnen.

Solche Verlautbarungen zeugen von der Verwirrung, die die Bedrohung durch islamistische Killer in den Köpfen anrichtet. Wer "christliche Werte" als moralisches Rüstzeug bei der Abwehr von Glaubenskriegern betrachtet; wer glaubt, das Christentum sei ein taugliches Mittel im Kulturkampf, der macht genau den Fehler, den er Fanatikern vorwirft: Er erniedrigt die Religion und benutzt sie als Instrument.

Das ist nicht nur politisch fahrlässig, es ist auch theologisch unbelehrt. Tatsächlich ist die Bibel, jedenfalls das Neue Testament, für Zwecke kultureller Aufrüstung ganz und gar ungeeignet. Die Evangelien wollen den Teufelskreis aus Rache und Vergeltung unterbrechen; sie predigen Demut und Umkehr, Feindesliebe und Selbstbesinnung, mithin all das, was Kulturkämpfer als Schwäche, als Kapitulation beklagen. Wer im Neuen Testament nach Sturm sucht, wird Wind ernten.

Ohnehin ist es töricht, wenn Politiker die Auseinandersetzung mit dem Islam allein unter Hinweis auf religiöse Werte führen, denn damit schließen sie Ungläubige und Andersgläubige aus. Alles entscheidend ist deshalb das bedingungslose Beharren auf dem Gesetz, auf Normen und Freiheitsrechten. Diese haben den unschätzbaren Vorzug, dass vor ihnen alle gleich sind, Juden, Christen, Muslime, Atheisten und Agnostiker, neue Heiden und alte Esoteriker. Freiheitsrechte erlauben dem Bürger, seine Religion auszuüben oder nach seiner Façon selig zu werden. Es war ein Irrtum vieler Liberaler zu glauben, in der Demokratie komme es auf kulturelle Werte und religiöse Überzeugungen nicht mehr an. In Wirklichkeit bilden sie deren Unterfutter; mit ihnen streitet die Gesellschaft über ihr Selbstverständnis und die Gestalt der Freiheit.

Die Krise der liberalen Gesellschaft, wenn man denn so flächig reden will, liegt nicht im Fehlen von "Werten", davon gibt es mehr als genug. Die Krise liegt darin, dass Politikern das Bewusstsein abhanden kommt, was sie am liberalen Verfassungsstaat überhaupt noch verteidigen wollen.