Auf dem Nachttisch in meinem Schlafzimmer liegt immer ein Notebook. Ich zeichne damit meine Träume auf. Wenn ich mitten in der Nacht aufwache, hacke ich schnell ein paar Zeilen in den Computer – nichts von literarischer Qualität, nur ein paar Stichworte, damit ich mich am nächsten Morgen besser erinnern kann, wovon ich geträumt habe. Einmal ist mir der Schauspieler Antonio Banderas nackt im Traum erschienen. Gut, dass ich das gleich aufgeschrieben habe, so hat er mich zu einem erotischen Kochbuch inspiriert. Ich habe Antonio Banderas seitdem mehrmals in der Realität getroffen. Aber bislang habe ich mich noch nicht getraut, mit ihm über meinen Traum zu reden. Wenn er vor mir steht, sehe ich jedes Mal meinen Traum-Banderas, wie er sich nackt auf einer mexikanischen Tortilla räkelt.

Ich schreibe meine Träume nun schon so lange auf, dass ich dieses Ritual sozusagen im Schlaf beherrsche. Ich muss dazu nicht mal das Licht anmachen. Am Morgen erzähle ich zuerst meinem Mann Willy von ihnen, dann schreibe ich einen Brief an meine Mutter, die in Chile lebt. Ich schreibe ihr jeden Tag. Wenn mir der Traum wichtig erscheint, rufe ich sie an und erzähle ihr sofort davon. Sie macht es umgekehrt genauso. Mit der Zeit bin ich eine Spezialistin darin geworden, die Symbole und Bilder in meinen Träumen zu analysieren und zu dechiffrieren. Aber manchmal müssen mir andere dabei helfen. So hat mir erst mein Mann klar gemacht, dass ich offenbar immer nur dann von Babys träume, wenn ich an einem Buch arbeite und irgendetwas mit der Geschichte nicht stimmt.

Vor einigen Jahren beispielsweise hatte ich oft diesen verstörenden Traum von einem Baby, das in einem Labyrinth gefangen war. Ich konnte es berühren, aber nicht befreien. Ich arbeitete damals an einer Trilogie von Jugendbüchern. Das zweite Buch hatte ich schon zu meinem Agenten zum Übersetzen geschickt, mit dem dritten hatte ich gerade begonnen. Willy meinte, der Traum hätte wohl mit dem neuen Roman zu tun, fragte, ob ich nicht richtig vorankäme, aber das ergab keinen Sinn. Denn das Baby in meinem Traum war schon größer, es konnte bereits krabbeln. Auf solche Details muss man achten, wenn man seine Träume deutet. "Dann ist etwas mit dem zweiten Buch nicht in Ordnung", sagte mein Mann. Ich las mir das gesamte Manuskript noch mal durch. Aber ich konnte keine Fehler entdecken. Das ließ mir keine Ruhe. Mein Agent, mein Übersetzer, mein Lektor – sie alle lasen daraufhin noch mal das Manuskript, fanden aber auch nichts.

Ich selbst hatte unterdessen immer wieder diesen Traum, er verfolgte mich. Dann schickten sie mir irgendwann die englische Übersetzung. Und mit der Distanz, die man durch eine fremde Sprache bekommt, bemerkte ich beim Lesen, dass ich den Hauptdarstellern eine Information gegeben hatte, die sie an dieser Stelle der Handlung unmöglich haben konnten. Das Ende des Buches erschien völlig unlogisch. Ich habe die Auslieferung des Buches sofort gestoppt und ein neues Ende geschrieben. Alles wegen eines Traums.

Ich bin in dem Glauben erzogen worden, dass Träume wichtig sind. Meine Großmutter beispielsweise behauptete von sich, hellseherische und telekinetische Kräfte zu haben. Als Kind habe ich mal beobachtet, wie sie eine Zuckerdose mit der Kraft ihrer Gedanken über den Tisch bewegte. Auch meine Mutter hat sehr lebendige Träume. Als ich aufwuchs, erzählte sie uns Kindern immer davon. Ich mache es heute mit meinen Enkeln genauso. Meine Enkelin ist jetzt 14. Wenn ich sie frage: "Wie hast du geschlafen?", antwortet sie nie: "Ich hatte einen Traum", sondern immer: "Ich war in einem Traum."