Was mögen die Bürger denken, wenn sie hören, dass es den Unterhändlern von SPD und Union in Berlin gelungen ist, "Streitpunkte" der Gesundheitsreform auszuräumen? Darf sich jemand auf das freuen, was da in langen, geheimen Sitzungen vereinbart wurde?

Wohl kaum. Dafür sprechen drei Gründe. Erstens: Das Vertrauen in die Halbwertszeit politischer Versprechen sinkt rapide. Zu Recht. Schon jetzt sind die Eckpunkte vom Juli wieder verändert worden.

Zweitens: Knapp 70 Millionen gesetzlich Versicherte sollen im nächsten Jahr durchschnittlich weitere 0,7 Prozentpunkte ihres Lohns an ihre Krankenkassen zahlen ohne dass sie spürbar besser versorgt werden.

Allein die steigende Mehrwertsteuer verteuert medizinische Leistungen.

Zudem werden Zuschüsse aus der Tabaksteuer, die für das Gesundheitssystem bestimmt waren, in den Staatshaushalt umgelenkt.

Drittens: Durch die Beschlüsse der Großen Koalition wächst der Druck auf das Solidarsystem. Künftig sollen Privatversicherte in die gesetzlichen Kassen zurückkehren dürfen. Gut wäre das, würden Junge und Berufstätige wechseln. Doch das ist unwahrscheinlich. Realistisch ist dagegen, dass Ältere und Kranke, deren Policen teurer werden, in die vergleichsweise günstigen gesetzlichen Tarife drängen. Mit der Folge, dass das Finanzloch größer werden dürfte. Selbst wenn soziale Härten über Steuerzuschüsse abgefedert werden, wird künftig die Last auf den Schultern der freiwillig gesetzlich Versicherten immens anwachsen. Viele dieser Leistungsträger dürften sich in den nächsten Monaten Angebote der Privatkassen schicken lassen.