Nordkoreas Politik mag wahnsinnig sein. Aber der Wahnsinn hat nicht nur Methode, er hat auch Erfolg. Zumindest wenn man den zynischen Maßstab eines Regimes anlegt, das all sein Tun und Trachten nur einem einzigen Ziel unterwirft: dem eigenen Überleben.

Man rufe sich das Ende des rumänischen Despoten Nicolae Ceauşescu in Erinnerung, den ein Erschießungskommando Weihnachten 1989 mit seiner Frau Elena an einer Kasernenmauer hinrichtete. Dann ahnt man, welche Furcht Kim Jong Il in seinen kalkulierten Wahnsinn treibt. Denn Kim wütet in seinem Land weit schlimmer als der Stalinist Ceauşescu in Rumänien. Der Personenkult um den "Geliebten Führer" gleicht einem Götzendienst. Die groteske Autarkiepolitik seines Vaters, des "Großen Führers" Kim Il Sung, hat das Land in bitterste Not gestürzt. Ungerührt sah der Kim-Clan zu, wie seine Untertanen in den Hungerwintern der neunziger Jahre Gras, wilde Wurzeln und Baumrinde essen mussten, um zu überleben.

Und dieses Land verfügt nun über die Atombombe. Was die Bedrohung noch größer macht: Nordkorea hat sich auch ein umfangreiches Raketenarsenal zugelegt. Im Juli testete es gleich sieben Modelle, darunter eine Interkontinentalrakete. Die fiel zwar kurz nach dem Start ins Wasser. Aber theoretisch kann Nordkorea mit der Taepodong 2 die Vereinigten Staaten erreichen; und es war gewiss kein Zufall, dass Kim Jong Il sie am 4. Juli abfeuern ließ, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag.

Das Regime hat einen bizarren Sinn für Symbolik. Der Sprengsatz explodierte am Montag dieser Woche, wenige Stunden bevor in New York der UN-Sicherheitsrat Südkoreas Außenminister Ban Ki Moon als nächsten Generalsekretär der Vereinten Nationen nominierte. Tags zuvor hatte Japans neuer Premier Shinzo Abe Peking besucht, eine Reise, mit der die fünf Jahre währende diplomatische Eiszeit zwischen den beiden asiatischen Großmächten endete.

Politische Stabilität, wirtschaftliche Prosperität, diplomatischer Erfolg: Das alles passt nicht zum Klima der Angst, der permanenten ideologischen und militärischen Mobilmachung, ohne die sich ein Regime wie das in Pjöngjang nicht an der Macht halten kann. Dafür nimmt Kim auch die offene Brüskierung seines alten Verbündeten China in Kauf. Allein die kommunistische Führung in Peking vermochte bisher von außen Einfluss auf Nordkorea zu nehmen. Wie gering aber selbst dieser Einfluss war, hat die Kernexplosion gezeigt. China hatte schon die Raketentests im Juli verurteilt und die Warnungen des UN-Sicherheitsrates vor einem Nukleartest unterstützt. Nun hat es, wie ein japanischer Diplomat sagt, "das Gesicht verloren". Und das könnte Kim Jong Il teuer zu stehen kommen.