Noch trommeln die Silberrücken in beiden Parteien gewaltig auf ihre politische Brust. Imponiergehabe unter Alphamännchen. Die schwarzen Gorillas versuchen, die bittere Niederlage wegzuschrödern, und pochen krawallig wie einst der deutsche Kanzler auf ihre Rolle als nationale Leitfiguren. Ihre roten Artgenossen kommen derweil zu der Erkenntnis, dass sowohl die unübersichtliche Gemengelage (kann die theoretische rechte Mehrheit auch politisch umgesetzt werden, fliegt die Haider-Truppe vielleicht doch noch aus dem Parlament und macht dadurch einer rot-grünen Option Platz?) als auch der knappe Einprozentvorsprung ein eindeutiges Mandat für den "Volkskanzler Gusenbauer" vermissen lassen.

Die ersten Tage – oder Wochen – der Koalitionsgespräche, die sich nun anbahnen, sind eine Zeit des Taktierens und der Fallenstellerei. Die SPÖ muss hoffen, die richtigen Lehren aus der Klima-Katastrophe von 1999 gezogen zu haben, die ÖVP, dass Oberverhandler Wolfgang Schüssel seinem seit der ORF-Blamage angekratzten Ruf, ausgefuchst zu sein, gerecht werden kann.

In der Volkspartei sondiert indes eine Gruppe von Schüssel-Dissidenten die Chancen auf ein Comeback. In den vergangenen Jahren waren sie immer mehr auf Distanz zu ihrer Partei gegangen, der sie vorwerfen, das christlich-soziale Weltbild einer streng konservativen Machtpolitik geopfert zu haben. Viele dieser zunehmend politisch heimatlosen Skeptiker, meist Veteranen aus großkoalitionären Tagen, hatten sich in das Ökosoziale Forum rund um Ex-EU-Kommissar Franz Fischler und Ex-Parteiobmann Josef Riegler zurückgezogen, einen Verein, den die Industriellenvereinigung (IV) gemeinsam mit der Raiffeisen-Organisation finanziert.

Bereits am Tag nach der schwarzen Wahlniederlage und unmittelbar nach der ÖVP-Vorstandssitzung traf sich eine vertraute Gruppe im Wiener Raiffeisen-Hauptquartier, um strategische Überlegungen anzustellen. Gastgeber Christian Konrad, Generalanwalt von Raiffeisen, begrüßte in der abendlichen Runde auch IV-Generalsekretär Markus Beyrer, neuerdings ein häufiger Jagdgefährte des passionierten Waidmanns Konrad, der auf der Pirsch gern auch seine Allianzen schließt. Nicht zuletzt dank dieser Freiluft-Kontakte zählt der neue Hubertus-Jünger Beyrer zur Personalreserve für eine künftige schwarze Ministerriege.

Ziel der Runde um Konrad, der grauen Eminenz im schwarzen Machtkartell: die Weichenstellung für eine neue VP-Mannschaft nach der Ära Schüssel und eine stabile Große Koalition. Als kommender Mann ist Landwirtschaftsminister Josef Pröll ausersehen, der allerdings vorläufig von einem Hitzeschild vor zu schneller politischer Beschädigung geschützt werden soll. Der dafür vorgesehene Franz Fischler nahm sich vorerst prompt aus dem Spiel, denn als Zwischenlösung sieht sich der Tiroler keinesfalls.

Eine bemerkenswerte Interessenkoalition bahnt sich an. Einerseits der agrarisch orientierte Wirtschaftsriese, anderseits die Schüssel-Dissidenten, die eine "Rückkehr zu den programmatischen Wurzeln" der Partei bewirken wollen. Wegbegleiter dabei wollen neben Fischler und Riegler auch Ex-VP-Obmann Erhard Busek und der ehemalige Zweite Nationalratspräsident Heinrich Neisser sein. Busek drohte VP-Klubobmann Wilhelm Molterer bereits vorsorglich an, er werde sein Parteibuch öffentlichkeitswirksam zurücklegen, sollte die ÖVP einen Pakt mit der Strache-FPÖ eingehen. Neisser wiederum urteilte, unter der Regierung Schüssel sei Österreich "verludert". Ihr gemeinsames Ziel: wieder verstärkten Einfluss auf die Partei zu gewinnen, nachdem der konservative Flügel um Andreas Khol durch die Niederlage Macht einbüßte und ohne neue Führungsfigur auskommen muss.

Noch sind es Sandkastenspiele, bei denen hinter den Kulissen Positionen ausgelotet und Startlöcher bezogen werden. Doch sie sollen dazu dienen, die ÖVP fit für eine Große Koalition zu machen. Ein Überraschungsgast bei dem Strategiegespräch war der Europa-Abgeordnete Othmar Karas, bis 1999 VP-Generalsekretär, der dem Kanzler grollt, ihn nach Brüssel abgeschoben zu haben. Auf ihn könnte noch eine wichtige Aufgabe zukommen: Mit Alfred Gusenbauer verbindet Karas die gemeinsame Herkunft aus Ybbs, beide waren Ministranten, und die Mutter von Karas unterrichtete Pennäler Gusenbauer in der Volksschule. Bloß bei Klein-Gusis Kanzlertraum in der Sandkiste dürfte der um drei Jahre Ältere nicht mit dabei gewesen sein.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben "

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