Die Bundeswehr befindet sich im Krieg, und die Regierung sagt es nicht offen. Das ist verständlich, aber es ist falsch. Nach Lage der Dinge nämlich ist es eine Frage der Zeit, bis auch deutsche Soldaten im Süden Afghanistans zum Einsatz kommen – und sterben werden. Im Juni begann die Nato damit, ihren Kommandobereich über ganz Afghanistan auszudehnen, auch über den unruhigen Süden und Osten. Seither hat das Bündnis über 100 Soldaten im Kampf verloren, darunter vor allem Kanadier und Briten. Wie sollen sich die Deutschen da raushalten, wenn die Nato Bundeswehrsoldaten in den Süden schicken will? Was soll die Regierung dem Wähler sagen, wenn die ersten Särge von gefallenen Soldaten nach Hause kommen? Dass Deutschland in einen Krieg geschlittert ist, einfach so, ganz überraschend?

Die zweite bittere Einsicht in diesen Tagen lautet: Dieser Krieg kann verloren gehen. Auch das will niemand so richtig wahrhaben, denn der Sieg war ja schon vor fünf Jahren ausgerufen worden. Die hoch gerüstete High-Tech-Armee der USA hatte die Taliban scheinbar weggefegt – innerhalb von nur fünf Wochen. Das Triumphgeheul war laut damals. Und heute? Die Taliban sind so stark wie nie seit 2001. Das bestätigen inzwischen auch westliche Militärs. Der britische Oberbefehlshaber der Nato-Truppen in Afghanistan, David Richards, sagt: "Wenn wir in diesem Winter nicht eine konkrete und sichtbare Verbesserung erreichen, dann könnten 70 Prozent der Afghanen die Seiten wechseln." Militärisch, das ist die Botschaft der Generäle, kann Afghanistan nicht gewonnen werden. Es muss politisch gelingen. Nur, was bedeutet das?

Nach den Attentaten vom 11. September 2001 war der Angriff der USA auf Afghanistan durch die UN-Charta gedeckt, mithin legal. Sämtliche westlichen Staaten – und nicht nur sie – stärkten Washington den Rücken. Dazu kam, dass die Taliban ein Schreckensregime errichtet hatten. Die Mehrheit der Afghanen sehnte eine Befreiung von den grausamen Gotteskriegern herbei. Die Mission war also eine klare Sache. Nicht klar war, welche langfristige Aufgabe man sich da eigentlich aufgebürdet hatte. Afghanistan ist das fünftärmste Land der Welt. Was es bedeutet, ihm wieder auf die Beine helfen zu wollen, und ob man den politischen Willen, sich dauerhaft zu engagieren, überhaupt aufbringen kann – darüber wurde wenig debattiert. Warum auch? Der Westen strotzte vor Selbstbewusstsein, und er hatte gute Argumente. Afghanistan, das schien ein Klacks zu sein. Schnell wurde klar, wie überheblich diese Haltung war.

Die Interventionsmächte hatten keine umfassende, kohärente Strategie. Die USA wollten zunächst nur Terroristen "jagen und töten". Die Europäer, darunter die Deutschen, sollten für das nation-building zuständig sein. Das eine ging mit dem anderen freilich nicht zusammen. Denn die CIA zahlte Millionen Dollar in bar an mächtige und weniger mächtige Warlords, damit sie ihr bei der Jagd auf Terroristen halfen. Diese Kriegsherren hatten natürlich kein Interesse an einem funktionierenden Staat. So unterminierten sich die verbündeten Interventionsmächte gegenseitig.

Es dauerte fast zwei Jahre, bis dieser Fehler korrigierte wurde. Heute arbeiten in den "regionalen Wiederaufbauteams" Zivilisten und Militärs zusammen. Krieg gegen die Taliban führen und einen Staat aufbauen – beides wurde zusammengelegt. Das ist ein gutes Modell, aber es kam spät und viel zu zaghaft.

Die Wahrheit ist: Trotz aller Versprechungen hat der Westen sich in Afghanistan bis heute nicht angemessen engagiert. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Während die USA dem Irak im ersten Jahr nach dem Krieg 22 Milliarden Dollar zusprachen, bekam die erste internationale Geberkonferenz für Afghanistan gerade einmal 4,5 Milliarden zusammen. Ein anderes Beispiel: Die Nato hatte in dem vergleichsweise winzigen Kosovo zeitweise 60000 Soldaten stationiert, in Afghanistan haben die Bündnispartner heute, fünf Jahre nach Kriegsbeginn, ihren bisherigen Höchststand erreicht: 31000 Soldaten. Schließlich noch ein Beispiel, das die Deutschen direkt betrifft. Die Bundesregierung hat sich bereit erklärt, die afghanische Polizei auszubilden. Sie schickte 40 Ausbilder nach Kabul, alle hoch motiviert, aber es waren eben nur 40, die dann insgesamt 3000 Polizeioffiziere ausbildeten. Das ist der klassische Tropfen auf den heißen Stein.

Ist Afghanistan also mit mehr Soldaten, mehr Ingenieuren und mehr Geld noch zu retten? Vielleicht. Sicher ist eines: Selbst wenn der Westen Hunderttausende Soldaten schickt, Afghanistan ist nur zu stabilisieren, wenn die Nachbarn es wollen – unter ihnen vor allem Pakistan.